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Zeitung für die Landeshauptstadt

14. Dezember 2017 | 16:19 Uhr

Schwerin : Mit Frau Kaude durchs Gartenjahr

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Säen, ernten, probieren und Spaß haben: Seniorin empfängt jeden Montag eine Gruppe Kita-Kinder in ihrem Kleingarten

von
erstellt am 06.Aug.2017 | 23:26 Uhr

„Guck mal, ich habe einen riesigen Regenwurm gefunden“, ruft Silas und präsentiert ihn stolz seiner Kita-Erzieherin Kerstin Seichter. Das stattliche Tierchen schlängelt sich um seine Finger, dann lässt er ihn herunter ins Beet, auf dem junge Bohnen ihre Triebe in den Himmel recken. Vor ein paar Wochen wuchsen hier noch Erdbeeren, dann haben Silas und die anderen Kinder der Gruppe „Sonnenblume“ neue Samen in die Pflanzlöcher gelegt, die Gisela Kaude vorbereitet hat. Seit März begrüßt die 80-jährige Schwerinerin jeden Montagvormittag eine Gruppe der Kita Gänseblümchen in ihrem Garten und erklärt, was wo warum wächst, wie es heißt und wie man es hegt und pflegt. Die Kinder kommen sehr gern, benehmen sich vorbildlich – und dürfen ganz viel probieren. Beim vergangenen Besuch gab es die selbst gesetzten und geernteten Kartoffeln mit Kräuterbutter, Brombeeren, Paprika – die hat der Gartennachbar spendiert – frische Erbsen, Stachelbeeren und Salbei zu kosten. Auch Haselnüsse durften die Kinder aus den noch grünen Hülle holen. „Aber nicht essen, die sind noch unreif“, sagt Gisela Kaude und sammelt die Früchte doch besser wieder ein. Nebenbei verrät sie, was sich unter dem großen Deckel am Fuß des Haselnussbaumes verbirgt: Ein alter Waschzuber, der heute mit Wasser gefüllt als Kleingarten-Kühlschrank für Getränke dient.

Die Kita-Kinder lernen bei Gisela Kaude eine Menge. Und behalten es auch. Na gut, Ringelblume und Sonnenblume werden noch verwechselt und beim Thema Rhabarber erinnern sich die Fünf- und Sechsjährigen eher daran, wie sie die Blätter bei der Ernte als Schirm benutzt haben als an den schwierigen Namen. Aber Silas weiß genau, wozu ein Regenwurm gut ist: „Zum Angeln“, sagt er lachend. „Und er macht die Erde weich.“ Wenig später entdeckt Nils den allerersten Grashüpfer seines Lebens, und Bente mahnt Kinder und Erwachsene, nicht so laut zu sein: „Ihr vertreibt sonst die Schmetterlinge.“

Gisela Kaude hat kleine Scheren bereit gelegt, mit denen die Kinder vertrocknete Blüten abschneiden können. Aus Joghurt- oder Tomatenbechern hat sie Sammeleimer gemacht. Eine erfahrene Pädagogin? Nein, Lehrerin sei sie nie gewesen, sagt die Seniorin lächelnd. „Aber ich habe drei Kinder, drei Enkel und drei Urenkel, und wir waren immer zusammen im Garten.“ Als junge Mutter war sie selbst Elternaktiv-Vorsitzende und Lehrlinge hat sie auch ausgebildet. „Ich bin ein Post-Urgestein“, sagt sie schmunzelnd. „Fast 40 Jahre habe ich dort gearbeitet.“ 1951 kam die gebürtige Rostockerin nach Schwerin, wohnte anfangs mit ihrem Mann in einer Neun-Quadratmeter-Wohnung, zog im Juli 1962 in eine Genossenschaftswohnung in der Weststadt, in der sie heute noch lebt. „Ich bin eben sehr sesshaft.“ In den zweieinhalb Zimmern lebte das Ehepaar viele Jahre lang mit drei Kindern, später zog sogar noch der Schwiegersohn mit ein.

Heute ist Gisela Kaude alleine in der Wohnung, ihr Mann starb vor sieben Jahren. So sei eben der Lauf des Lebens, sagt sie und schaut versonnen in den wunderschönen Garten, den sie schon seit 47 Jahren bewirtschaftet. „Im Sommer kaufe ich Obst und Gemüse gar nicht ein, ich esse, was ich ernte, und friere auch vieles ein.“ Dann erzählt sie von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Vorsitzende eines betrieblichen Seniorenbeirates, die ihre Zeit sehr gut ausfüllt. „Einmal die Woche bin ich im Hospiz, einmal im betreuten Wohnen, einmal im Pflegeheim“, sagt sie. Die Arbeit mit den Kindern sei da eine gute, generationsübergreifende Ergänzung, eine Art Ausgleich. Ergeben hat sich das durch Zufall: „Im vergangenen Herbst hatte ich so viele Laternenblumen im Garten. Die kann man trocknen und dann damit basteln.“ Und weil die Kita Gänseblümchen auf ihrem Nachhauseweg liegt, fragte die rüstige Rentnerin einfach mal an, ob sie ein paar Trockenblumen gebrauchen könnten. Daraus entwickelte sich die Idee, das Jahresthema „Gartenjahr“ gemeinsam zu erleben.

Kita-Leiterin Nicole Born ist über diese spontane Zusammenarbeit mit Gisela Kaude froh. Auch wenn es auf dem Kita-Gelände selbst natürlich auch Beete fürs Jahresthema gibt, sei es für die Kinder ein zusätzliches Erlebnis, rauszukommen in die benachbarten Kleingärten. Und dabei auch zu lernen, ruhig zu sein und nicht so viel zu toben, ergänzt Kerstin Seichter. Bislang klappt das großartig. Der Montags-Besuch bei „Frau Kaude“, wie die Kinder sie höflich nennen, wird auf jeden Fall bis Herbst weitergehen. Und für die passionierte Kleingärtnerin wäre eine Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

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