Schwerin macht Schlagzeilen : Missbrauchsskandal Thema im TV

Fernsehjournalistin Nicole Rosenbach hat über Monate in Schwerin recherchiert. Ihre Dokumentation ist heute zu sehen.
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Fernsehjournalistin Nicole Rosenbach hat über Monate in Schwerin recherchiert. Ihre Dokumentation ist heute zu sehen.

WDR zeigt heute um 22.40 Uhr Dokumentation. SVZ fragte bei Filmemacherin Nicole Rosenbach nach

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09. Juni 2016, 05:00 Uhr

Im Februar ist der Gründer des Vereins Power for Kids, Peter B., wegen des 62-fachen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen zu einer Gefängnisstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt worden. Dass der Missbrauch über Jahre unbemerkt blieb und im Verein, im inzwischen geschlossenen Treff, in der zum Verein gehörenden Tanzgruppe und auch in Verwaltung und Politik niemand etwas gemerkt haben will, hat überregional für Aufsehen gesorgt. Im Film „Wölfe im Schafspelz. Wie Kinder zu Opfern sexueller Gewalt werden“ beleuchtet der WDR heute um 22.40 Uhr anhand von zwei schwerwiegenden Fällen, wie einfach es für Sexualverbrecher ist, sich ungehindert über viele Jahre an Kindern zu vergreifen, ohne dass das Umfeld oder die Behörden einschreiten. Redakteur Timo Weber sprach mit der Fernsehjournalistin Nicole Rosenbach, die in Schwerin recherchiert und gedreht hat.

War es schwer, bei der Recherche Gesprächspartner zu finden?
Rosenbach: Als ich meine Recherche zu sexuellem Missbrauch von Kindern begonnen habe, dachte ich, es sei fast unmöglich, überhaupt Interviewpartner für die Fernsehdokumentation zu finden. Systematisches Schweigen ist ein Merkmal dieses Themas. Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist ein solch massiver Einbruch im Leben, dass es Angehörigen verständlicherweise schwer fällt, darüber zu sprechen. Aber auch Menschen, die nicht unmittelbar betroffen sind, setzen sich ungern mit diesem Thema auseinander. Doch mit der bröckelnden Fassade von Peter B. vom Verein Power for Kids, mit jeder Nachricht, dass immer weitere Betroffene zur Polizei gingen und mit jeder Gerichtsverhandlung gelang es, mit geschädigten Familien ins Gespräch zu kommen. Auch vor der Kamera.

Und dann habe ich in Schwerin immer wieder Menschen getroffen, die engagiert an Aufklärung interessiert sind und mir geholfen haben, einzelne Puzzleteile zusammen zu setzen. Nicht alles davon kann meine Dokumentation erzählen. Aber mir war es wichtig, ein umfangreiches Bild zu bekommen. Auf jeden Fall wächst der Mut und die Stärke der Betroffenen. Erst dadurch hat der Täter seine Macht verloren.

Hat sie das Ausmaß des Missbrauchs in Schwerin erstaunt?
Ja. Das Ausmaß kann einen nur fassungslos machen. Und so viel kann ich sagen: Es ist auch noch nicht alles ans Licht gekommen. Aber hat es mich am Anfang noch vor große Rätsel gestellt, habe ich jetzt zumindest durch die Recherche und Dreharbeiten verstanden, warum dieses jahrelange Verbrechen an den Kindern geschehen konnte. Peter B. ist ein Serientäter, dessen Strategien ich aufzuzeigen versuche. Er hat an allen Fäden gezogen und war immer Herr des Geschehens. Dabei nutzten ihm Menschen, die von ihm abhängig waren, Menschen, die er mit seinem angeblich selbstlosen sozialen Engagement begeisterte und Menschen, die sich mit ihm bis heute verbunden fühlen, weil sie von ihm profitierten – in welcher Art auch immer. Der Verein Power for Kids im sozialen Brennpunkt hatte auch Fürsprecher in der Stadtverwaltung. Was in den Räumen des privaten Jugendclubs über so viele Jahre passierte, wurde nicht gründlich hinterfragt. Peter B. war ein Netzwerker. Das hat ihm sehr geholfen. Nach Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt im Verein wurde all die Jahre doch nie geschaut. Power for Kids war kein anerkannter Träger der Jugendhilfe. Also: Privatsache! Wenn man bedenkt, wie viele Auflagen man erfüllen muss, um beispielsweise einen Imbiss aufzumachen, ist das schon sehr irritierend.

Wie haben Sie das Agieren der Stadtverwaltung Ihnen gegenüber empfunden?
Die Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow sah ich nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle in einer Pressekonferenz im NDR. Sie war sichtlich bewegt dabei, ihr versagte die Stimme mit Tränen in den Augen. Man sah Empathie mit den Betroffenen. Sie bedauerte auch das mögliche Versagen ihrer eigenen Behörde, ohne gleich Abwehrhaltung zu zeigen. So war mein erster Eindruck.

Ich habe über Monate gedreht für meine Dokumentation und habe mehrfach telefonisch und schriftlich um ein Interview mit Oberbürgermeisterin Gramkow gebeten. Ich bin keine aktuell berichtende Journalistin. Es ging mir um ein Hintergrundgespräch für meine 45-minütige. Dokumentation zum Thema. Doch es kamen nur Absagen mit Hinweis auf die laufenden Untersuchungen. Die Pressesprecherin der Stadt verwies mich an den Jugenddezernenten Andreas Ruhl.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen als Zeitungskollegen in dieser Sache ergangen ist: Aber dass eine amtierende Oberbürgermeisterin nach einem solchen Skandal, einer solchen Missbrauchsserie, für keinerlei Gespräche für den WDR zur Verfügung steht, hat mich sehr verwundert. Gerade bei diesem Thema, das sie ja offensichtlich sehr belastet, müsste sie doch Journalisten und damit der Öffentlichkeit gegenüber jederzeit signalisieren, dass sie persönlich zur Aufklärung beitragen will, auch wenn diese für viele schmerzhaft ist. Auf meine Interview-Anfrage an die Leiterin des Jugendamtes habe ich von der Pressestelle der Stadt nicht einmal mehr eine Antwort erhalten.
 

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