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22. November 2017 | 16:03 Uhr

"Mir tun die Flutopfer unendlich leid"

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erstellt am 19.Jun.2013 | 12:02 Uhr

Rastow//Fahrbinde | Häufig sind es Kleinigkeiten, über die wir uns streiten. Doch die Menschen, die von der Flut betroffen sind, haben wohl ganz andere Sorgen. Sie denken darüber nach, wie sie Verlorenes ersetzen können, ob sie überhaupt in ihre Häuser zurückkehren können oder woher sie das Geld für den Wiederaufbau nehmen sollen. Diese Gedanken beschäftigen auch Dagmar Puls seit ihrem Einsatz im Hochwassergebiet Dömitz. Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Fahrbinde machte sie sich gemeinsam mit Kameraden der Wehren aus der Region Rastow auf den Weg an die Elbe, um bei der Aufstockung der Deiche zu helfen. Ihre Aufgabe: Sandsäcke befüllen und auf Lkw laden.

Dass die Sandsäcke auch zu voll sein können, hätte Dagmar Puls nicht gedacht. "Zwei Schaufeln in den Sack füllen und dann umschlagen", lautete die Anweisung an die etwa 150 Helfer, die sich in Dömitz einfanden und sich immer wieder ablösten. "Zuerst war ich noch gut bei Kräften und füllte zügig einen Sandsack nach dem anderen", erklärt Dagmar Puls. Dass dieser Kraftakt so an die Substanz gehen würde, hätte die Erzieherin aus der Ras tower Kita "Lütte Swölken" nicht erwartet. Denn in ihrer Freizeit treibt sie Sport, doch nach ihrem Einsatz war sie völlig erschöpft. Zu der körperlichen Belastung gesellt sich auch die seelische. Am Abend nach ihrem eintägigen Einsatz konnte sie nicht sofort einschlafen. Zu viele Gedanken kamen auf. "Mir tun die Leute unendlich leid. Was wohl aus ihnen wird? Wenn man auf einmal vor dem Nichts steht, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg", berichtet die 43-Jährige mitfühlend.

Noch vor einem Jahr waren Dagmar Puls und ihr Mann Oliver zum Urlaub an einem Ort, an dem viele Menschen heute vor dem Nichts stehen: in der Nähe von Passau in Bayern. Unfassbar, wie hoch das Wasser um 1500 in Passau war, sagte ihr Mann damals noch. So schlimm könne es bestimmt nicht mehr werden. Schließlich gab es 2002 schon die Jahrhundertflut. Was sich die Eheleute Puls vor einem Jahr nicht vorstellen konnten, ist in diesem Frühsommer zur Realität geworden. "Nicht schon wieder. Das kann doch nicht wahr sein. Das geht doch nicht, dass es wieder eine Flut in den Ländern gibt, die bereits ein hartes Schicksal erleben mussten", dachte sich Dagmar Puls.

Als das Hochwasser schließlich Dömitz erreichte, stand für sie, ihren Mann und vielen anderen Menschen fest, dort zu helfen. Dass die Dömitzer sehr dankbar waren und auch ihnen einmal in der Not helfen würden, rührte die Erzieherin. Die Atmos phäre und das Miteinander fand sie beeindruckend. "Trotz der schlimmen Lage waren alle Helfer gut drauf. Jeder versuchte, so viel zu schaffen, wie er konnte. Und zwischendurch kamen die Kinder aus dem Ort, um uns Kekse zu bringen", erzählt Dagmar Puls.

Als sie am Montag wieder zur Arbeit in die Rastower Kita kommt, ist sie noch blass und matt. Den zwei- und dreijährigen Kindern, die sie betreut, hat sie von dem Sonntagseinsatz erzählt. "Die Kleinen können das zwar noch nicht einordnen. Aber gehört vom Hochwasser hatten auch sie."

Dagmar Puls wird den Hochwassereinsatz in Dömitz nie vergessen. "Jeden Tag rede ich mit meinem Mann darüber. Ich bin wirklich schwer beeindruckt von dem Erlebnis." Sie wünscht sich, dass der Staat sich für die Flutopfer in ganz Deutschland einsetzt, sie finanziell unterstützt und mehr für den Hochwasserschutz unternimmt. "Ich hoffe, dass die Spenden auch direkt die Flutopfer erreichen. Ich werde mich auf jeden Fall beteiligen."

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