Schicksal : „Mein Leben ist für immer kaputt“

Bittere Realität: Lustlos und nutzlos fühlt sich Olaf an viel Tagen.
Bittere Realität: Lustlos und nutzlos fühlt sich Olaf an viel Tagen.

Als das Schicksal zuschlägt, tröstet sich Olaf mit Alkohol und Kokain – in der Crivitzer Tagesstätte für psychisch Kranke findet er Hilfe

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04. Juni 2015, 08:00 Uhr

Ganz ruhig sitzt er auf der Couch, erzählt von seinem Alltag in der Tagesstätte: Körbe flechten, rätseln und für Mittagessen sorgen. Dennoch wirkt jedes Wort genau überlegt. Den Krieg in seinem Kopf sieht man Olaf* nicht an. Auch die Stimmen, die er täglich hört und die ihn tyrannisieren, bleiben seinem Gegenüber verborgen. Werden sie zu laut, zieht er sich zurück. Der 48-Jährige ist seit drei Jahren in der Tagesstätte für psychisch Kranke des Diakoniewerkes Neues Ufer in Crivitz. Hier lernt er Alltag. „Eine Tagesstruktur ist wichtig. Auch, nicht allein zu sein. Jedenfalls tagsüber“, sagt er. Denn in seiner Wohngruppe genießt er es, die Tür hinter sich zu machen zu können. „Dann bin ich für mich, kann schlafen. Oder es zumindest versuchen, wenn die Stimmen im Kopf mich wieder runter machen. Ich habe Psychosen. Bin schizophren“, Die Wahrheit, ungeschminkt.

Wie es dazu gekommen ist? Olaf beschönigt auch bei diesem Thema nichts: „Ich habe getrunken. Regelrecht gesoffen. Dann kamen die Drogen. Das Kokain. Das hat mich kaputt gemacht.“ Doch es gab sie, die heile Welt davor – das Einfamilienhaus, die Frau, eine glückliche Ehe und zwei Kinder. Ein Nachmittag hat dann alles verändert. Olaf spricht nicht gern darüber. Eigentlich gar nicht. „Meine Kinder sind tot“, platzt es aus ihm raus. Bei einem Autounfall ist seine Tochter gestorben. Ein Mann aus demselben Ort hat sie überrollt – mit 70 Stundenkilometern auf einer Spielstraße. „Ein Jahr ohne Führerschein und neun Monate auf Bewährung bekam er dafür.“ Noch immer scheinen Olaf die Worte zu fehlen und auch die Kraft, darüber zu sprechen.

Das Unglück seiner Tochter war der Anfang vom Ende. Den schmerzlichen Verlust des eigenen Kindes versuchte Olaf mit reichlich Alkohol und Drogen zu betäuben. Als er plötzlich auf den Todesfahrer seiner Tochter traf, ein Wort das andere gab, brannten die Sicherungen durch: „Er hatte sich lustig gemacht. Ich habe ihn erschlagen.“ Sechs Jahre wegen Totschlags musste Olaf hinter Gitter. „Das war nicht schlimm. Der Alkoholentzug in Ravensruh bei Wismar war viel schlimmer“, berichtet er. Der Rausch ließ ihn das Leid besser ertragen. Doch genau dieser Rausch hat ihn auch zu dem gemacht was er jetzt ist: „Mein Leben ist für immer kaputt“, lautet seine nüchterne Bilanz. Seit zehn Jahren ist er weg vom Alkohol, aber von dem einst so erfolgreichen Profi-Handballers, dem glücklichen Familienvater und Ehemann ist nichts mehr übrig. Die Ehe zerbrach. Vor wenigen Jahren starb auch Olafs Sohn. Wieder war es ein Verkehrsunfall.

„Ich will nur noch sterben. Meistens jedenfalls. Welchen Sinn hat mein Leben denn noch?“, fragt er, sein Blick wandert zur Decke. Dennoch hat sich Olaf trotz Diagnose Borderline nicht aufgegeben. „Einmal im Monat besuche ich meine Mutter. Das ist dann wieder ganz schön. In diesen Momenten bin ich dann glücklich – bis die Stimmen wiederkommen“, erklärt er und gesteht im selben Atemzug, dass er manchmal das Glück vortäuscht: „Meine Mutter kann mit meiner Krankheit nicht umgehen. Sie versteht nicht, dass ich Stimmen höre. Ich sage dann einfach, dass es mir gut geht.“

Nur ganz selten ist Olaf ehrlich und erzählt ihr, wie es wirklich in ihm aussieht. „Wenn es mir ganz schlecht geht.“ Dass es einmal so weit kommen wird, hat der gelernte Rettungsassistent nicht glauben wollen. „Ich war mir sicher, die Drogen machen mich nicht so kaputt. Das trifft nur andere. Ein Trugschluss.“ Denn neben den psychischen Erkrankungen kamen physische hinzu. „Beispielsweise die Epilepsie. Das waren die Drogen. Ich habe das selbst zu verantworten“, sagt der 48-Jährige. Das Einzige, was ihm heute noch ein Lächeln auf die Lippen zaubert: „Wenn der HSV gewinnt. Und wenn mein bester Freund Jörg da ist. Er kann mit meiner Krankheit umgehen. Und die Tagesstätte, hier lerne ich wieder leben. Ohne das hier wäre ich längst tot.“

                       *Name der Redaktion bekannt

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