zur Navigation springen

Demenzkranke : „Man kann das nicht alleine machen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hilfe für pflegende Angehörige: Zentrum Demenz bietet Schulung für Ehrenamtliche an

svz.de von
erstellt am 07.Jan.2014 | 23:04 Uhr

Dass ihre Mutter dement wurde, das bemerkte Anneliese Katoll erst langsam. Zuerst verlegt sie Dinge des Alltags. „Eines Abend hat sie mich angerufen und erklärt, jemand habe ihren Haustürschlüssel gestohlen“, erinnert sich die Tochter. Sie setzte sich ins Auto, fuhr die 100 Kilometer zum Heimatdorf und suchte den Schlüssel, der natürlich noch in der Wohnung war. Erst als er gefunden wurde, konnte sich die Mutter wieder beruhigen. Eines Nachts schließlich glaubte die 84-jährige Dame, jemand sei in ihrer Wohnung. Die Nachbarn verständigten den Arzt, im Krankenhaus schließlich kam die Diagnose: Demenz. Das ist jetzt rund drei Jahre her, seitdem kümmert sich Anneliese Katoll rund um die Uhr um ihre Mutter, hat sie zu sich nach Schwerin geholt, kann sie ohne Aufsicht nicht mehr allein lassen. Ohne die Hilfe aus dem Schweriner Zentrum Demenz hätte sie das kaum geschafft. Dort wurde sie nicht nur über das Krankheitsbild informiert, über Betreuungsmöglichkeiten und finanzielle Förderung der Kassen – dort hat sie auch einen Angehörigenkurs absolviert und einen „Atemkurs“. „Viele Angehörige machen sich kaputt, wenn sie sich nicht austauschen, sich Tipps holen. Man kann nicht alles alleine machen“, sagt Anneliese Katoll heute. „Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass der Zustand meiner Mutter sich verschlechtert, ich ihr zwar helfen, sie aber nicht heilen kann.“

Regelmäßig bietet das Zentrum Demenz mit Sitz in der Gartenhöhe 6b Fortbildungen an für Betroffene, aber auch für Menschen, die Angehörigen helfen möchten, indem sie für einige Stunden auf den Demenzkranken aufpassen und dem Verwandten die kostbare Zeit für sich selbst ermöglichen. Die nächste Schulung für Ehrenamtliche beginnt am Freitag, 31. Januar. Anmeldungen sind noch bis zum 21. Januar möglich unter der Telefonnummer 0385-52133818. Die Kursteilnehmer treffen sich dann an drei Wochenenden, um sich mit dem Thema Demenz zu beschäftigen, Wissen über die Krankheit und den Umgang mit Betroffenen zu erwerben und Erfahrungen in Betreuungs- und Begleitsituationen zu sammeln. Vermittelt werden die ausgebildeten Helfer schließlich vom Zentrum Demenz in so genannte „Pflegepatenschaften“. Dabei betreuen sie einen oder mehrere Erkrankte – je nachdem, wie viel sie sich selbst zumuten wollen und zeitlich leisten können – in dessen eigenen vier Wänden. Regelmäßig treffen sich die Ehrenamtler anschließend zum Erfahrungsaustausch.

Vorlesen, zuhören, spazieren gehen, einfach nur da sein oder auch kochen und Spiele spielen – das sind die Hauptaufgaben der Betreuenden. Was sich einfach anhört, erfordert aber viel Geduld und Gelassenheit. Denn der Demenzerkrankte kann immer dieselbe Frage im Minutentakt wiederholen. Manche begrüßen ihren Betreuer jedes Mal so, als wäre es die erste Begegnung.

Für Anneliese Katoll ist es wichtig, manchmal Abstand zwischen ihre Mutter und sich selbst zu bringen. Sie organisiert in dieser Zeit Nachbarn, Freunden oder Verwandte, die auf die mittlerweile 87-Jährige aufpassen. Beim Atemkurs, der ebenfalls vom Zentrum Demenz angeboten wurde, konnte Anneliese Katoll ihre Mutter vor Ort betreuen lassen. Von Ehrenamtlern. Angehörige lernten hier, sich allein durch den richtigen Atemrhythmus herunterzufahren und zur Ruhe zu kommen. Eine Methode, die ihr zu Hause sehr helfen würde, sagt Anneliese Katoll.

Demenz heißt übersetzt „ohne Geist“ und weist auf die Ursache der Krankheit hin: eine Störung im Gehirn, die zur grundlegenden Persönlichkeitsveränderung führen kann. Meist beginnt die Krankheit schleichend. Im frühen Stadium entwickeln die Betroffenen oft Strategien, die das Ausmaß des Verlustes eine Zeit lang kompensieren. Häufig ist es möglich, den Erkrankungsverlauf zu verlangsamen. Bekannt ist, dass „vergessene“ Fähigkeiten nicht neu erlernt werden können. „Deshalb ist es enorm wichtig, so früh wie möglich zu reagieren“, sagt Ute Greve, Leiterin des Zentrums Demenz. Das Angebot der Kontakt- und Informationsstelle ist trägerübergreifend, es werden alle bekannten Betreuungs- und Hilfsmöglichkeiten in der Stadt Schwerin und der Umgebung vermittelt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen