Weltkulturerbe Schwerin : Luxuriöses Quartier für Pferd und Wagen

Der mächtige Stall mit Reithalle, Tierklinik, Wagenremisen und Unterkünften für rund 70 Bedienstete entstand 1838 bis 1842. Heute sind hier Ministerien und Ausstellungen untergebracht.  Fotos: kawi
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Der mächtige Stall mit Reithalle, Tierklinik, Wagenremisen und Unterkünften für rund 70 Bedienstete entstand 1838 bis 1842. Heute sind hier Ministerien und Ausstellungen untergebracht. Fotos: kawi

SVZ stellt in einer neuen Serie die einzelnen Teile des Schweriner Residenzensembles vor - Teil 6: Der Marstall

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29. März 2016, 12:00 Uhr

Wer sich heute an die Adresse Werderstraße 124 wendet, der findet dort das Staatliche Schulamt Schwerin, das Bildungs- und das Sozialministerium. Mathias Brodkorb und Birgit Hesse haben dort ihre Amtszimmer. Die Rede ist vom „Marstall“. Auch Kunstfreunde werden derzeit dort fündig: Die temporäre Galerie „Fresh Eggs“ zeigt bis Juni vier Ausstellungen und lädt immer donnerstags zum Künstlergespräch ein. Die aktuelle Schau ist der klassischen Moderne gewidmet. Gezeigt werden rund 70 Originale von Künstlern des 20. Jahrhunderts. Vertreten sind Otto Dix, Karl Schmidt-Rottluff, Oskar Kokoschka, Gerhard Marcks, Ernst Barlach und andere. Im Separee werden erotische Bilder von George Grosz aus seiner Zeit im New Yorker Exil ausgestellt – Akte, die in den 20er-Jahren erhebliches Aufsehen erregten. Geöffnet ist die Galerie dienstags bis sonnabends von 11 bis 19 Uhr.

Der Marstall gehört zum Residenzensemble Schweriner Schloss und wurde 1838 bis 1842 gebaut, nachdem der Hof von Ludwigslust zurück nach Schwerin verlegt worden war. „Marställe waren nicht nur einfach Unterstellplätze für Tiere und Gerät, sondern schon seit dem 16. Jahrhundert wichtige Elemente der höfischen Repräsentation, wie Beispiele in Dresden, Nymphenburg oder Pommersfelden zeigen“, sagt Kunsthistoriker Dr. Christian Ottersbach. „Hier waren die besonders edlen Reittiere untergebracht. Dementsprechend wurde Wert auf die architektonische Ausgestaltung des Marstalles gelegt, so auch in Schwerin.“ Der Entwurf stammt von Hofbaumeister Georg Adolph Demmler. Der Marstall ist ein hufeisenförmiger Komplex, der aus fünf jeweils zweigeschossigen Flügeln und einer großen Reithalle besteht. An der Ostseite ist der Marstall 167 Meter lang. Stilistisch gehört der Bau zum romantischen Klassizismus. „Auffällig ist die unterschiedliche Gliederung der Hoffassaden“, sagt Dr. Ottersbach. „Während die Obergeschosse des Ostflügels, des Nordflügels und des nördlichen Westflügels durchgehend rechteckige Zwillingsfenster unter Giebeln zeigen, weisen der Ostflügel und der südliche Westflügel nur einfache Fenster mit Giebeln auf.“ Blendarkaden gliedern den Süd- und südlichen Westflügel. Zum Südflügel gehören außerdem ein schmaler Risalit mit Portikus und Balkon.

Im Innern des Marstalles waren nicht nur Stallungen, Reithalle und Wagenremise untergebracht, sondern auch Verwaltungsräume sowie Quartiere für die mehr als 70 Bediensteten. Außerdem gab es eine Hufschmiede und ein Tierhospital.

Die Stallungen sollten den edlen Pferden nicht nur eine wohlige Unterkunft bieten, sondern auch repräsentieren. Der Stallraum im Südflügel beispielsweise besitzt eine Kassettendecke, die getragen wird von Wandkonsolen und Gusseisenstützen, die mit Ornamenten verziert sind. An die Wände unter den Decken waren Rosetten gemalt. Im südwestlichen Eckpavillon gibt es Bodenfliesen mit einer maurischen Musterung. Möglicherweise wurden sie aus Portugal importiert, so Ottersbach. Nach 1918 wurde der Marstall umgebaut zu Büros und Wohnungen, diente ab 1945 den sowjetischen Truppen als Kaserne und Verwaltungsbau. Als die Russen 1956 abzogen, wurde die Reithalle zur Turn- und Ausstellungshalle umgebaut. Die Ministerien zogen 1990 ein. Das Technische Landesmuseum nutzte von 1997 bis 2010 die Halle als Ausstellungsfläche.

Nachdem der Marstall gebaut worden war, wurde auch die Halbinsel gärtnerisch gestaltet. Den Vorentwurf lieferte Peter Joseph Lenné. Umgesetzt hat den Hofgärtner Theodor Klett, der dabei auch das Ufer aufschütten ließ. Da die Appartements des Großherzogs und die Gästezimmer Richtung Marstallhalbinsel zeigten, hatten vor allem die hohen Herrschaften jetzt einen wunderbaren Ausblick.

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