Mahnende Erinnerung : Löwenthals verheerendes Urteil

Sichtbare Erinnerung an verfolgte Mitbürger: 42 Stolpersteine im Schweriner Stadtgebiet geben Opfern ihre Namen zurück.
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Sichtbare Erinnerung an verfolgte Mitbürger: 42 Stolpersteine im Schweriner Stadtgebiet geben Opfern ihre Namen zurück.

Zwei von neun neuen Stolpersteinen erinnern ab Sonnabend in Schwerin an das jüdische Uhrmacher-Ehepaar Fritz und Sophie Löwenthal

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06. März 2014, 22:12 Uhr

„Alle haben sie mitgemacht, alle haben mitgemordet, mit Brand gestiftet, mit geraubt und heute will keiner es gewesen sein“, so verheerend ist das Urteil von Fritz Löwenthal. Heimweh und Enttäuschung hatten dem Schweriner Juden so sehr zugesetzt, dass er 1951 im Alter von nur 60 Jahren in Chile starb, wie Schwerins Stadtarchivar Dr. Bernd Kasten erzählt. Mit ein paar Koffern, seinem Ehering und zehn Reichsmark hatte der einst wohlhabende Fritz Löwenthal am 23. Juni 1939 Deutschland verlassen. Der gelernte Uhrmacher eröffnete in Santiago de Chile einen kleinen Laden und hielt sich eher schlecht mit der Reparatur von Haushaltsgeräten über Wasser. An sein Leben und das seiner Frau Sophie soll vom morgigen Sonnabend an ein glänzender Stolperstein in der Schmiedestraße 18 erinnern.

Ein Rückblick: Fritz Löwenthal erblickt als Sohn eines Uhrmachers 1891 in Schwerin das Licht der Welt. Als er ausgezeichnet mit dem „Eisernen Kreuz“ aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, übernimmt er das Geschäft seines Vaters. Sein Werbeslogan: „Die Zeit der Nacht ist uns egal, uns weckt ein Wecker von Löwenthal.“ Fritz Löwenthal lebt fürs Geschäft, baut es energisch aus und heiratet erst mit 39 Jahren die gleichaltrige Witwe Sophie Kiewe, geborene Fuchs. 1933 eröffnen sie weitere Filialen in Crivitz und Wismar. Kurz darauf beginnt die Schikanierung.

„So wird er zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er Schokoladentäfelchen zu Reklamezwecken an Kinder verschenkte und muss für drei Wochen ins Gefängnis, weil er in einem Mietvertrag den zwangsweise zu führenden Vornamen ,Israel‘ einzufügen vergaß. Mitten im Winter setzt sein Nachbar, Malte Höppner, bei der Baupolizei den Abriss eines Erkers an Löwenthals Haus und der Leuchtreklame über dem Laden durch. Tag für Tag wird der Juwelier mit dem blanken Hass seiner Nachbarn konfrontiert. Als eine SA-Kapelle vor seinem Geschäft nationalsozialistische Kampflieder mit Zeilen wie ,bis das Judenblut vom Messer spritzt‘ singt, lachen und applaudieren seine Nachbarn Höppner, Joost und Lendzian“, erzählt Dr. Bernd Kasten.

Am 10. November folgt das Novemberpogrom der NSDAP. „Als ich aus dem Polizeigewahrsam in mein Lokal geführt wurde, um die Bücher der jüdischen Gemeinde herauszugeben, war es schwer, bis zu meinem Kontor zu gelangen, da die Trümmer fast einen halben Meter hoch im Laden lagen“, wird Fritz Löwenthal später berichten. Den Schlägern folgt die Polizei. Fritz Löwenthal und seine Frau werden endgültig verhaftet und in das Schweriner Polizeigefängnis gebracht. Am Vormittag des 10. November begleitet die Polizei ihn noch einmal in seine Wohnung, wo er die Bücher und Akten der Gemeinde heraussuchen muss, die nach einer Prüfung durch die Gestapo dann an das Landeshauptarchiv übergeben werden, wo sie sich noch heute befinden. Gegen Mittag wird Fritz Löwenthal mit 18 anderen Juden aus Schwerin ins Gefängnis von Alt Strelitz abtransportiert. In Neustrelitz werden sie zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Der „Niederdeutsche Beobachter“ berichtete am 17. November 1938: „Für das Geschäft Löwenthal haben sich bereits Liebhaber gefunden, die Verhandlungen sind allerdings noch nicht zu Ende. Wir möchten allerdings nicht annehmen, daß der Jude da noch Schwierigkeiten macht…“

Tatsächlich hatte Fritz Löwenthal kaum eine andere Wahl als den im Gefängnis von Alt Strelitz vorgelegten Kaufvertrag zu unterschreiben. Der Kaufpreis entsprach in keiner Weise dem Wert des Grundstücks. Fritz Löwenthal wurde am 2. Dezember 1938 entlassen. Nach den Ereignissen hielt Löwenthal nichts in Schwerin. Er zog nach Chile. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bekam er auch von der SED weder eines seiner drei Häuser zurück noch irgendeine Entschädigung. Sophie Löwenthal überlebte ihn um viele Jahre, starb 1990 im hohen Alter von 97 Jahren in einem israelischen Altersheim.



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