Nach Kindesmissbrauch in Schwerin : Litt ein Kind, weil das Amt schwieg?

Immer noch geöffnet: „Power for Kids“
„Power for Kids“ in Schwerin

Missbrauchsvorwurf an den Mitbegründer von „Power for Kids“: Mehr offene Fragen als schlüssige Antworten im Stadthaus

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15. Januar 2016, 08:00 Uhr

Nichts gelernt? Erneut hat es keine Aktennotiz gegeben, keine Strafanzeige. Der Vorwurf: Hätte das Jugendamt nach eigenen Vorschriften gehandelt, hätte das Leiden der Kinder womöglich um ein halbes Jahr verkürzt werden können.

Das ist passiert: Vor genau einem Jahr erhielt das Jugendamt den Hinweis, dass es Fälle von Kindesmissbrauch durch einen Mitarbeiter des Vereins „Power for Kids“ gäbe. Zwei Kinder hatten sich an einen Schulsozialarbeiter gewendet, dass sie sexuell belästigt würden. Bereits da setzte das Schweigen ein: Offenbar kontaktierte der Sozialarbeiter die Eltern, denn er gab die Information des Missbrauchsvorwurfs kurz darauf „vertraulich“ weiter an den Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses, Peter Brill: Die Eltern der Kinder wünschten es nicht, dass ihre Namen und Adressen weitergegeben werden.

Brill wandte sich daraufhin an Jugendamtsleiterin Caren Gospodarek-Schwenk. Beim Gespräch war auch der Abteilungsleiter Jugendhilfe dabei, kurz darauf wurde auch der damalige Dezernent Dieter Niesen informiert. Ein Aktenvermerk, ein Team-Gespräch oder gar ein behördlicher Vorgang mit Handlungsvorgaben entstanden aber nicht – „aufgrund der zugesicherten Vertraulichkeit“, wie Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow jetzt auf Fragen von Stadtvertretern mitteilte.

Dennoch folgte noch im Januar 2015 ein Treffen zwischen zwei Jugendamtsmitarbeitern und dem Sozialarbeiter sowie dem pädagogischen Leiter des Trägervereins, bei dem dieser angestellt ist. Auch daraus resultierte kein behördliches Handeln. Als im Februar 2015 der Trägerverein dem Jugendamt per E-Mail eine „Dokumentation der Hilfemaßnahmen zum trägerinternen Kindeswohlgefährdungsverfahren im Fall Peter B.“ schickte, war der Fall im Stadthaus erledigt. Nicht der Verein „Power for Kids“ wurde informiert, nicht die Polizei. Niemand erstattete Anzeige – weder das Amt, noch der Schulsozialarbeiter oder sein Trägerverein, der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses oder die Eltern.

Die krude behördliche Argumentation dahinter: Da die beiden sexuell belästigten Kinder nicht mehr in den Verein gehen und so keinen Kontakt mehr zu Peter B. haben, besteht keine Kindeswohlgefährdung mehr.

Inzwischen ist klar: Die beiden Kinder waren keine Einzelfälle. Peter B., der Mitbegründer von „Power for Kids“ und jahrelang faktisch dessen Leiter, soll von mindestens 2009 an bis zu seiner Festnahme im August 2015 wenigstens 15 Kinder in 62 Fällen sexuell belästigt und zum Teil missbraucht haben. Von zehnfacher Vergewaltigung eines Siebenjährigen zwischen 2014 und 2015 sprechen die Ermittler. In der Zeit des Martyriums des Kindes war das städtische Jugendamt also schon informiert. Doch Peter B. ist nicht gebremst worden.

Auch nach seiner Verhaftung hat das Jugendamt in Sachen „Power for Kids“ nichts getan – außer einen Anerkennungsantrag als Träger der Jugendhilfe zu befördern. Erst zwei Monate nach der Verhaftung zog der Verein den Antrag zurück.

Jetzt sollen zuerst verwaltungsinterne Untersuchungen und später auch ein Sonder-Ausschuss der Stadtpolitik Aufklärung bringen – einen solchen gab es zum Thema Jugendamt zuletzt 2007, als die fünfjährige Lea-Sophie verhungert war.

Parallel bittet der Jugendhilfeausschuss „Power for Kids“, die Arbeit mit Kindern für die Zeit der Untersuchungen einzustellen. Noch immer treffen sich Kinder dort, wo Vereinsstrukturen den Missbrauch erst ermöglichten.

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