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Hisham verlor bei Kämpfen sein Augenlicht : Leezener Ärzte helfen Libyer zurück ins Leben

vom

Sehen wird Hisham nie wieder können. Aber der junge Mann aus Misrata soll wieder auf eigenen Beinen stehen und gehen können. Bei dem Schritt zurück in ein menschenwürdiges Leben hilft ihm die Leezener Helios-Klinik.

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erstellt am 13.Mär.2012 | 09:40 Uhr

Leezen | Sehen wird Hisham nie wieder können. Aber der heute 28 Jahre junge Mann aus Misrata in Libyen soll wieder auf eigenen Beinen stehen und gehen können. Bei diesem schwierigen Schritt zurück in ein menschenwürdiges Leben helfen ihm die Ärzte, Physiotherapeuten und Pfleger der Leezener Helios-Klinik.

Vor sechs Wochen wurde Hisham aus Lübeck nach Leezen gebracht, weil dem Schwerstkranken hier am besten geholfen werden kann. "Hisham kann jetzt für kurze Zeit im Rollstuhl sitzen", berichtet Professor Doktor Bernd Frank stolz. "Es geht vorwärts. Er macht sogar schon die ersten Schritte auf dem Laufband." Welche Kraftanstrengung - sowohl vom Patienten als auch vom Pflegepersonal - hinter diesem Behandlungsfortschritt steckt, macht erst ein Blick in die Krankenakte des jungen Mannes deutlich.

Bei Gefechten in Misrata wird Hisham vor sieben Monaten schwer verwundet. Ein Schuss trifft ihn seitlich am Kopf. "Es war Explosivmuni tion", weiß Professor Frank. Das Geschoss zertrümmert den Gesichtsschädel. Hisham verliert beide Augen. Wie schwer das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist, kann Professor Frank heute noch nicht mit endgültiger Klarheit sagen, aber dass Hirnschä digungen bleiben, das steht fest. Hisham wurde zwar sofort medizinisch versorgt, sein Leben gerettet. Doch über Monate lag der junge Mann nur im Bett. Professor Frank spricht von weiteren chronischen Wunden und gefährlichen Keimen - die allein sind lebensgefährlich.

Von Tunesien, wo der junge Libyer zuerst behandelt wurde, wurde Hisham deshalb nach Deutschland gebracht. "Die Lübecker Kollegen fragten bei uns an, ob wir helfen können", erinnert sich Professor Frank an einen Anruf kurz vor Weihnachten. Schließlich ist die Leezener Klinik auf solche fast hoffnungslosen Fälle spezialisiert. Akutklinik für Frührehabilitation und interdisziplinäres Rehabilitationszentrum nennt sich das Haus. Seit Anfang Februar wird der junge Libyer hier behandelt und betreut. Und Hisham braucht das gebündelte Fachwissen der Leezener, damit seine Wunden heilen, damit er sitzen und gehen lernt, damit er die traumatischen Erlebnisse von Krieg und Verwundung überwindet.

Bis dahin es ist noch ein weiter Weg. Immerhin sind die ersten, die schwierigsten Abschnitte zurückgelegt. Immer an der Seite von Hisham ist sein ältester Bruder. "Ich bin nicht wichtig, schreiben Sie über Hisham. Er ist ein Held", sagt er. Doch seit sieben Monaten ist der Bruder die wichtigste Kontaktperson für Hisham, der sich kaum und nur schwer verständigen kann. Doch die Fortschritte, die Hisham bereits in Leezen gemacht hat, stimmen den Bruder zuversichtlich. "Das ist hier eine sehr gute Klinik. Wir sind dankbar für die Hilfe, die mein Bruder erhält." Hisham habe enorme Fortschritte gemacht, könne sich inzwischen viel besser bewegen. Der einst kräftige junge Mann hat zwar viel an Gewicht verloren, die lange Liegezeit ließ zudem die Muskeln schwinden. Doch die Zuversicht auf Besserung ist da. Auf die Frage, ob Hisham irgendwann in Libyen ein halbwegs normales Leben führen kann, antwortet der Bruder: "So Gott will!" Hisham kann sich dabei des Rückhaltes in seiner Großfamilie mit sieben Geschwistern sicher sein. Und die Libyer hätten ihre Helden der Revolution gegen das Gaddafi-Regime nicht vergessen. "Viele sind für die Freiheit gestorben. Hisham hat schwer verletzt überlebt", erzählt der Bruder. Alle Kämpfer seien sich der Gefahren bewusst gewesen. Doch die Freiheit sei dieses Risiko, dieses Opfer wert. Jetzt an der Seite von Hisham zu stehen, sei sein Beitrag in dem Ringen um ein neues Libyen, das noch lange nicht zu Ende ist, betont der Bruder. Die Geschehnisse in der Heimat jetzt aus dem fernen Deutschland zu verfolgen, sei nicht einfach. Aber es gehe nicht anders. Hisham brauche die Hilfe seines Bruders.

Und das noch für mindestens ein halbes Jahr in Deutschland. Denn so lange werde die Rehabilitation des jungen Mannes wohl noch dauern, schätzt Professor Bernd Frank ein. Hisham soll schließlich wieder auf eigenen Beinen stehen und gehen können. "Er wird aber weiterhin Hilfe benötigen. Nicht nur von der Familie, sondern sein ganzen Leben lang von medizinischem Fachpersonal", unterstreicht Professor Frank. Denn für den Leezener Klinikchef ist es wichtig, dass Hisham ebenso wie alle anderen Patienten nach der Rehabilitation ihren Alltag eigenständig meistern und gestalten können - soweit es die bleibenden Schäden zulassen. Denn auch wenn sich die Lebensgeschichte von Hisham vollkommen von der der anderen Patienten in Leezen unterscheidet, macht das für Professor Frank und seine Mitstreiter keinen Unterschied aus: "Wir alle bemühen uns, einen jungen Mann, dem anderswo nicht mehr geholfen werden kann, zurück ins Leben zu führen."

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