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Erfolgsmodell sucht Nachahmer : Lebensretter ohne Kostendruck

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Praxis ohne Grenzen“: Ärzte behandeln in Schleswig-Holstein Kranke kostenfrei / Gründer ruft Mediziner in Mecklenburg zur Mitarbeit auf

svz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 23:11 Uhr

Trotz eines vergleichsweise sehr guten Gesundheitssystems gibt es auch in Deutschland Menschen, die mittellos und ohne Krankenversicherung sind. Für sie haben Ärzte „Praxen ohne Grenzen“ eingerichtet, in denen sie ehrenamtlich mittellose Kranke unbürokratisch und kostenlos untersuchen, behandeln und beraten. Niemand muss dabei seine Mittellosigkeit nachweisen. Im Januar 2010 wurde für die Region Bad Segeberg eine „Praxis ohne Grenzen“ durch den Facharzt für Allgemeinmedizin und Kinderheilkunde Dr. Uwe Denker eröffnet: Sie ist Erfolgsmodell für Schleswig-Holstein geworden und ein neuer Weg in der Versorgung mittelloser Kranker auf dem flachen Land. Diese Modellpraxis ist inzwischen international bekannt – und könnte auch in Mecklenburg Schule machen. Gegenüber SVZ versprach Dr. Denker, interessierten Medizinern hier jede mögliche Unterstützung für den Aufbau einer „Praxis ohne Grenzen“ in MV.

Kein Wunder. Denn bereits jetzt hilft der Mediziner vielen Mecklenburgern, so wie zu Jahresbeginn einem selbstständigen Schweriner Tischler. „Gegen 8.30 Uhr rief der Patient mich aus Schwerin auf meinem Mobiltelefon an: Er habe seit Tagen Druckschmerz auf der Brust, der sich bei Belastung noch verstärke. Er sei nicht krankenversichert und habe erfahren, dass ich ihm eventuell helfen könne. Ob er gleich in die Praxis nach Bad Segeberg kommen könne und ob ich ihm bitte ein Medikament nenne, das seine Beschwerden lindern könne“, berichtete Dr. Denker gegenüber SVZ. Die Verdachtsdiagnose war auch telefonisch sofort zu stellen: Angina pectoris bei Verdacht auf Verengung der herzversorgenden Kranzgefäße. In die Klinik wolle der Handwerker nicht gehen, das könne er nicht bezahlen. „Als Notfallmedikament empfahl ich ihm, sich aus einer Apotheke ein gefäßerweiterndes Medikament als Spray zu besorgen.“ Ein akuter Herzinfarkt war zu befürchten, eine Fahrt nach Bad Segeberg zu gefährlich.

„Am späten Nachmittag rief der Patient mich erneut an: keine Apotheke wolle ihm das Notfallmedikament ohne Rezept herausgeben. Daraufhin habe ich in einer Nachtdienstapotheke in Schwerin angerufen. Die Herausgabe des Sprays wurde, trotz des Hinweises auf einen Notfall, verweigert!“ Gegen Abend hat Dr. Denker den Rettungsstellen-Arzt der Schweriner Klinik informiert, dass er ihm den Patienten jetzt als Notfall schicken würde. Am Folgetag erreichte der Mediziner, dass der Schweriner untersucht worden und ein Herzkatheter vorgesehen sei. „Inzwischen habe ich erfahren, dass dieser Patient tatsächlich einen Herzinfarkt hatte und zwei ,stents’ zur Wiedereröffnung von zwei Herzkranzgefäßen erhalten hat. Jetzt geht es ihm körperlich gut.“ Nun sei die Kostenübernahme der Behandlungen zu klären.

„Ich bin sehr frustriert über die zögerlichen Reaktionen bei einem Notfall: Viele Telefonate, lange Telefonwarteschlangen oder Anrufbeantworter bremsen die Notfallversorgung. In Schwerin scheinen die ,Praxen ohne Grenzen‘ unbekannt zu sein“, sagt Dr. Denker – und will das jetzt ändern. „Ich könnte gerne mit meiner vierjährigen Erfahrung in der Gründungsphase behilflich sein. Ich könnte Gründungswilligen eine ,Segelanweisung zur Gründung einer Praxis ohne Grenzen‘ zukommen lassen und bin auch bereit, vor Ort über unsere Erfahrungen zu referieren. Allerdings müsste der Impuls zur Gründung einer Praxis ohne Grenzen aus der Region kommen. Das heißt, es müssten sich Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern zusammenfinden, die bereit sind, ehrenamtlich und kostenlos in solch einer Praxis mitzuwirken“, verdeutlich Denker, der 2010 von Lesern, Hörern und Zuschauern des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (sh:z), dem Schwesterverlag unserer Zeitung, von NDR Info, NDR Fernsehen, der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, vom Hamburger Abendblatt und der Ostsee Zeitung zum „Held des Nordens“ gewählt wurde.

„Bevor es in Mecklenburg-Vorpommern so weit ist, können Sie mittellose Patienten in Not selbstverständlich an unsere bestehenden Praxen verweisen. Wir werden versuchen zu helfen, wie es auch jetzt schon geschieht“, so der Mediziner. In der „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg behandele er inzwischen Patienten aus der gesamten Bundesrepublik.


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