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Ukrainischer Besuch in Schwerin : Kurze Auszeit vom Krieg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kinder aus der Ukraine besuchen Deutschland, einige von ihnen verloren ihre Väter an der Front. In Schwerin können sie ihre Sorgen vergessen

von
erstellt am 29.Jul.2015 | 12:00 Uhr

Anja hat Glück. Ihr Vater ist zurückgekehrt. Über ein halbes Jahr kämpfte er in der Ostukraine an der Front. Er und seine Kameraden wurden eingekesselt. Sie hatten kein Trinken, kein Essen. „Er musste Wasser aus einer Pfütze trinken“, übersetzt Dolmetscherin Erina das elfjährige Mädchen. Schließlich gab es eine Bombe. Sie explodierte. Anjas Vater überlebte – wie durch ein Wunder.

Doch solche Wunder sind selten. 26 Kinder aus der Ukraine sind derzeit auf Einladung der niedersächsischen Stiftung „Hof Schlüter“ in Deutschland zu Besuch. Fünf von ihnen warten vergebens auf ihre Väter. Sie sind in dem bewaffneten Konflikt zwischen russischen und ukrainischen Truppen gefallen. Von zehn weiteren sind die Väter noch an der Front.

Gestern besuchten die Jungen und Mädchen Schwerin, besichtigten das Schloss und grillten am Lankower See. Es ist der Höhepunkt ihrer sechswöchigen Reise. Dabei geht es nicht um Aufarbeitung. Es gibt keine spezielle Therapie. Dafür ist die Zeit zu kurz. Es geht darum, die Jungen und Mädchen aus der grausamen Realität heraus zu holen, sie Energie tanken zu lassen. Die Kinder einfach Kinder sein zu lassen. Hier können sie spielen, Spaß haben, abschalten und bei ihren Ausflügen alles vergessen.

„Sie haben sich in den vergangenen Wochen verändert. Einige haben sogar ein kleines Bäuchlein gekriegt“, sagt Peter Novotny und lächelt zufrieden. Er rief 1991 die Stiftung „Hof Schlüter“ ins Leben. Seit 2004 helfen er und seine Organisation auch in Bila Zerkwa. Die Stadt mit 200    000 Einwohnern liegt südlich von Kiew. Die Armut hier ist besonders groß. Noch heute sind die Spätfolgen des Supergaus von Tschernobyl zu spüren. Viele Kinder erkranken noch immer an Leukämie, bekommen Krebs. Seitdem die Situation in der Ostukraine eskalierte, ist es noch schlimmer. 60 bis 70 Euro verdient ein Ukrainer derzeit im Durchschnitt im Monat, sagt Novotny. Woran es am meisten fehlt? „An allem.“ Auch das ist Europa.

Ja, es gibt Unterschiede. Es ist zu Hause nicht wie in der Jugendherberge in Lüneburg, wo die Kinder untergebracht sind, erzählt Roman. Auch er ist elf. In Deutschland sei es schöner. „Aber er vermisst seine Eltern und Verwandten sehr“, übersetzt Erina. Viele ukrainische Familien würden in kleinen Behausungen wohnen. Teilweise ohne fließendes Wasser. „Fünf bis sechs Personen leben dann in einem Raum“, beschreibt Novotny. Ein großes Problem sei die medizinische Versorgung. Teure Behandlungen können sich die meisten nicht leisten.

Wenn Novotny zwei Mal im Jahr in die Ukraine reist, spricht sich das schnell herum. Mütter warten vor seiner Unterkunft. Sie wollen, dass er ihre Kinder mitnimmt und sie heilt. Einmal zeigte ihm ein Vater die Röntgenaufnahme vom Gesicht seiner vierjährigen Tochter. Es war ein haselnussgroßer Tumor zu sehen. Novotny holte das Mädchen nach Deutschland, brachte es zum Arzt. Doch der konnte nichts mehr tun. Der Tumor war ohne Behandlung zu groß geworden. Das Kind starb. Novotny muss noch heute mit den Tränen kämpfen, wenn er davon erzählt. Er kann nicht allen helfen. Doch er kann es versuchen.

Neun 40-Tonner voll beladen mit Krankenhausbedarf hat er in die Ukraine geschickt, vier Rettungswagen, zwei Kleinbusse und 1300 Krankenhausbetten. Die Fenster der örtlichen Klinik in Bila Zerkwa ließ er austauschen. Mehrere Dialyseeinheiten organisierte er und vieles mehr.

Seit sieben Jahren organisiert er außerdem die Erholungsurlaube für die Kinder. In der letzten Woche geht es immer nach Schwerin. Hier übernimmt Volkwart Kessler seit acht Jahren die Organisation. Es wird gegrillt und gesungen. Die Kinder können Boot fahren. Dann hat Kessler noch eine ganz besondere Überraschung für die Kleinen. Jeder bekommt eine große Geschenktüte mit Lebensmitteln, Kosmetika und zehn Schokoladentafeln. „Schokolade ist für Kinder immer das beste“, meint Kessler. Doch für ihn ist die Süßigkeit noch viel mehr: „Wussten Sie, dass Petro Poroschenko ein riesiges Schokoladenunternehmen hat? Sollen er und Putin sich doch darin messen, wer die bessere Schokolade hat und nicht darin, wer die besseren Waffen hat. Sie sollen Menschen helfen und vor allem den Kindern.“

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