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Stiftungen unterstützen Schüler aus schwierigen Verhältnissen : Kristina kämpft für ihr Abitur

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Talente und Schicksalsschläge - von beidem besitzt Kristina mehr als genug. Sie engagiert sich im EU-Jugendparlament und bei Jugend debattiert, singt im Chor, gibt Nachhilfe. Mit 17 Jahren wohnt sie allein.

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erstellt am 14.Mär.2012 | 09:44 Uhr

Schwerin | Talente und Schicksalsschläge - von beidem besitzt Kristina mehr als genug. Das Positive: Sie engagiert sich im EU-Jugendparlament und bei Jugend debattiert, sie spielt Klavier, singt im Chor, gibt Nachhilfe und macht nebenbei einen Cambridge-Kurs. Sie wohnt mit 17 Jahren allein. Mit ihren Eltern ging es "nicht mehr so recht", das ist eine ihrer negativen Erfahrungen. Die Schülerin kommt aus Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans. "Es ist dort ganz schrecklich und furchtbar", sagt sie. "Um 17 Uhr wurde der Strom abgestellt und danach hörte ich nur noch Knallgeräusche. Bomben, Giftgas und die Untergrundbewegungen gehören dort zum Alltag." Seit dem Jahr 2000 lebt sie in Schwerin.

"Kristina ist ein Musterbeispiel für die Schüler, die wir mit unserem Schülerstipendium unterstützen wollen", sagt Martina Schulze. Sie leitet das Programm "Grips gewinnt", eine Initiative der Joachim Herz und der Robert Bosch Stiftung. Kristina gehört zum "ersten Schwung" der etwa 50 Schüler, die bis zu 150 Euro monatlich erhalten, um sie in ihre Bildung zu investieren. Kristina kaufte sich ordentliche Wörterbücher. "Meine waren schon 20 Jahre älter als ich, die kannten noch nicht einmal das Wort Internet", sagt sie.

Zurzeit läuft die zweite Bewerbungsrunde. Beide Stiftungen haben das Programm im zweiten Jahr von drei auf sieben Bundesländer ausgeweitet: Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Bis zum 1. April können sich Jugendliche ab der Klassenstufe sieben für 110 Stipendienplätze bewerben. Die Voraussetzungen: Engagement und Leistungsstärke mit dem Ziel des Abiturs oder der Fachschulreife - so lange wird das Stipendium dann auch gezahlt. In Frage kommen vor allem Schüler aus bildungsfernen oder sozialschwachen Familien. "Schwierige Wohnverhältnisse, Migrationshintergrund, schwere Krankheiten - wir wollen Jugendlichen, die unter erschwerten Bedingungen aufwachsen und lernen wollen, eine Chance eröffnen", sagt Martina Schulze. "Schüler wissen oft nicht, dass wir sie suchen." Deshalb wendet sich die Stiftung auch an Lehrer, Trainer oder Sozialarbeiter, die dicht an den Jugendlichen dran sind. "Mir hat eine eng befreundete Familie eines Tages ein Faltblatt des Stipendiumprogrammes in die Hand gedrückt", erzählt Kristina.

"Grips gewinnt" bietet seinen Stipendiaten vielfältige Bildungsangebote und persönliche Beratung. Sommerakademien, Seminare und kulturelle Veranstaltungen sind entscheidende Bausteine. Sie sollen Jugendliche wie Kristina gezielt auf Hochschule und Beruf vorbereiten. "Na ja, ich weiß immer noch nicht, was ich werden will, auf jeden Fall erst einmal ins Ausland, mein Englisch rund machen", sagt Kristina. Es gehe hauptsächlich darum, "dass die Jugendlichen ihre Talente zunächst entdecken und entfalten können, unabhängig von ihrem sozialen Umfeld", sagt Martina Schulze.

Laut Bildungsbericht 2010 kann heute in Deutschland fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren aufgrund finanzieller, kultureller oder sozialer Hürden sein Potenzial nicht entfalten. Dem wollen die Joachim Herz Stiftung und die Robert Bosch Stiftung entgegenwirken. "Wir geben unseren Stipendiaten das Rüstzeug für einen guten Schulabschluss mit auf den Weg und möchten ihnen ein eigenverantwortliches Leben ermöglichen", sagt Petra Herz, Vorstandsvorsitzende der Joachim Herz Stiftung. "Noch viel zu häufig hängt der Bildungserfolg junger Menschen in Deutschland von der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Eltern ab", erklärt Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. Kistina will nicht von ihrer Familie sprechen, das sei ihr "zu persönlich". Aber sie will ihre Sprache nicht vergessen. Eine andere Sache will sie wiederum nicht: "Zurück nach Usbekistan. Meine Freunde sind hier."

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