Königliche Hoheit haben geruht, bauen zu lassen

Großherzog FFII. am Morgen des 26. Mai 1857 vor dem Großherzoglichen Palais in der Königsstraße (Puschkinstraße) bei der Verleihung der Ehrenfahnen an die beim Schlossbau beteiligten Gewerke.
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Großherzog FFII. am Morgen des 26. Mai 1857 vor dem Großherzoglichen Palais in der Königsstraße (Puschkinstraße) bei der Verleihung der Ehrenfahnen an die beim Schlossbau beteiligten Gewerke.

Am 26. Mai 1857 zog Großherzog Friedrich Franz II. mit Prunk und Gloria in sein neuerbautes Residenzschloss. Wie war das eigentlich damals vor 150 Jahren? Nahmen die Schweriner Anteil an diesem Ereignis? Waren Gäste geladen? Kurzum: Wie war die Atmosphäre in Schwerin? Die zeitgenössische Presse berichtete ausführlich. Unser Autor hat in diesen alten Zeitungen geblättert.

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01. September 2010, 05:54 Uhr

Nun also war es so weit. Nach 12 Jahren Bauzeit konnte Friedrich Franz II. am 26. Mai 1857 in sein neues Schloss einziehen. Zwölf Jahre hatte der Bauplatz Schloss einer Region Arbeit gebracht und das Stadtbild von Schwerin bestimmt. Bis 1855 waren für Maurerarbeiten 19 440 Rth. ausgegeben worden, für Tischlerarbeiten 37 795, für Sand- und Granitsteine und deren Bearbeitung 23 939.

Das Werk war gelungen, der Einzug konnte stattfinden.

SCHWERIN, 25. MAI 1857

Der Vorabend der Festlichkeiten

Drückende Hitze liegt über der Stadt, schwül ist die Luft, spannungsgeladen die Atmosphäre. Dennoch keine Spur von Trägheit. In einer bisher nicht gekannten Dichte quirlt der Verkehr der Pferdefuhrwerke und der Kutschen durch die Straßen der Stadt, dazwischen mit Körben und Säcke beladene oder Handwagen ziehende Menschen.

Der Magistrat hatte zig Wagenladungen Laubwerk aus den städtischen Holzungen anfahren lassen, um den Bürgern die Ausschmückung ihrer Häuser zu erleichtern. Zwischen alledem zahllose Reiter, uniformiert und zivil, die Mühe haben, ihre Pferde durch das Gewühl zu zwängen. In der Königs- und der Friedrichstraße keine Hausfassade, an der nicht lange Leitern anlehnen, das gleiche Bild am Markt.

Ecke Großer Moor/Königsstraße haben die Kaufleute Schnelle und Feldmann über die Königsstraße hinweg soeben ihre Häuser mit einer grünen Ehrengirlande verbunden, in deren Mitte eine Blumenkrone prangt. Auf dem Dach des Tapetenfabrikanten Burth flattern an 28 Fuß hohen Stangen die mecklenburgische Trikolore und die blau-weiße Standarte Preußens. Kein Haus an diesem Abend, das "nicht mit patriotischem Stolze seine Farben zeigt".

Auf dem Alten Garten werden die letzten Girlanden festgezurrt, im Schlossgarten entlang des Kanals und der Alleen sind hölzerne Konstruktionen gotischer Spitzbögen zu erkennen, an denen Tausende blecherne Lämpchen mit Talgfüllung befestigt sind, die der Illumination am nächsten Abend dienen sollen. Die letzten Sandfahrer sind mit ihren Fuhrwerken unterwegs und bestreuen die Straßen mit feinem weißem Sand.

Am südlichen Horizont stehen Staubwolken - mecklenburgisches Militär aus Rostock, Wismar und Ludwigslust rückt in langen Marschkolonnen in seine Standquartiere in Ostorf, Zippendorf und Mueß.

Schwerin am Vorabend des Einzugs der großherzoglichen Familie in ihr neues Schloss. Wochen zuvor schon hatte das Hofmarschallamt das "Programm für die Allerhöchst empfohlenen Festlichkeiten welche bei Gelegenheit des Einzugs indas Grossherzogliche Schloss zu Schwerin am 26., 27. und 28. Mai 1857 stattfinden werden, hundertfach verteilen und anschlagen lassen. Die Schweriner wussten also, was ihnen bevorstand und - sie machten mit!

An diesem 25. Mai sind viele von ihnen nach getaner Arbeit gegen 21 Uhr vor dem Hauptbahnhof versammelt: Man wartet auf den Extrazug der Hamburger Eisenbahn. Der preußische König nebst Gemahlin geben sich die Ehre, am Einzug ins fürstliche Schloss ihres nördlichen Neffen teilzunehmen. Anderes Blaublut aus deutschen Landen ist vordem angereist, nicht ganz so schillernd, beeindruckend aber dennoch. Am späten Abend spielte das vereinigte Militärmusikkorps vor dem Großherzoglichen Palais, wo Preußens Fürsten abgestiegen sind, groß auf. Beginnend mit dem Lied: "Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?"!

Der schwüle Maiabend geht zu Ende - die Spannung bleibt!

SCHWERIN, 26. MAI 1857

Der Einzug ins Schloss

101 Böllerschüsse wecken am frühen Morgen die Stadt. Vor dem Großherzoglichen Palais in der Königsstraße (Puschkinstraße) hebt der Schlosschor zu einem Choral an, das Musikkorps der vereinigten Truppenteile steht mit Pauken und Trompeten bereit: Großherzogin Auguste hat heute, am Tag des Schlosseinzugs, Geburtstag - 35 Jahre alt wird Mecklenburgs Landesmutter, ein Doppelfest wird gefeiert.

Zeitgleich mit dem Geburtstagszeremoniell strömen einige wenige hundert Meter straßauf die Handwerksgewerke mit wehenden Bändern und lauter Musik zu ihrem Sammelplatz, dem Schelfmarkt. In geschlossener Formation rücken die Handwerker dann vor das Großherzogliche Palais, wo Minuten zuvor die Geburtstagsgratulation ihr Ende gefunden hat. Der Großherzog tritt heraus und gibt den versammelten Älterleuten zu erkennen, sie für die Tüchtigkeit ihrer Mitarbeit am nun vollendeten Schlossbau durch Verleihung einer Fahne zu beloben … Donnerndes Hurrah der versammelten Volksmenge!"

Schützenzunft und Gewerke stellen sich dann zum Spalier entlang der Königs- und der Schlossstraße auf.

Wiederum zeitgleich (es ist inzwischen 9.30 Uhr) erfolgt auf dem Alten Garten die Aufstellung der gesammelten Truppenteile der großherzoglichen Division. Die Ehrenwache in der Uniform der alten Garde mit Bärenfellmützen macht rechtsum und marschiert ins Schloss, um dort die Ehrenposten zu beziehen.

Schlag 10 Uhr ertönt von den Wällen des Schlosses ein Kanonenschuss: Seine Königliche Hoheit der Großherzog hat das Neue Palais verlassen. Alle Glocken der Stadt läuten - der Festzug zum Schloss beginnt!

Vorneweg eine Abteilung berittener Gendarmes, danach zwei Züge des Dragoner-Regiments, denen drei von je zwei Pferden gezogene Kutschen mit den Kavalieren der Großherzogin, ihren Hofdamen, der Oberhofmeisterin und dem Oberhofmeister folgen. Ihr auf dem Fuße zwei Stallmeister und zwei Stalljunker. "Nach den beiden Stabsläufern kam nun der mit höchster fürstlicher Pracht erneuerte Staatswagen", gezogen von acht Apfelschimmeln in goldenem Geschirr, darinnen seine Königliche Hoheit, die Frau Großherzogin und auf dem Rücksitz die hochfürstlichen Kinder, eskortiert von einem Flügeladjudanten und dem Stallmeister. Zu beiden Seiten gehen zwei Pagen und ein Heiduck. Zwei Flügeladjudanten, zwei Züge Dragoner und eine Gensdarmes-Abteilung beschließen den Zug.

Durch das Spalier der zuschauenden Menge geht es vorerst bis vor das Stadthaus (Rathaus am Markt). Unter einem mächtigen Triumphbogen richtet Bürgermeister Strempel eine "Beglückwünschungsrede" an das königliche Paar. Das Zimmergewerk schließt sich dem an:

"Ein neues Schloss wird heut von Dir bezogen, Erlauchtes Paar, und doch ein altes Haus..."

Weiter geht es, mit dem langen Zug der Zünfte und Gewerke im Schlepp, zum Alten Garten, wo der Festzug in das von den Truppenteilen gebildete Spalier einfährt, die "ihren geliebten Kriegsherrn mit einem donnernden Hurrah empfangen, das nicht endete, bis der Zug die Vorderbrücke (Schlossbrücke) passirt hat". So gelangte derselbe in den inneren Raum des Schlosses. Der ganze lange Zug der Zünfte und Gewerke folgt dem fürstlichen Zug dorthin, um dann durch die Schlossgarten-Seite wieder abzuziehen.

Die Allerhöchsten Herrschaften werden in dem Gartenportal von den Hofmarschällen von Bülow und von Stenglin empfangen und gelangen in die Halle. Hier ist die Schlossbaukommission und die Bauleitung des Schlosses aufgestellt. Hofprediger Jahn spricht den Segen und Oberbaurat Stüler eine Rede, die akustisch kaum verstanden wird. Nachdem der Großherzog sich anerkennend über die geleisteten Dienste der Schlossbau-Commission und der Bauleitung des Schlosses, ohne Erwähnung Demmlers(!) geäußert hat, nimmt Schlosshauptmann von Lützow die Schlüssel des Schlosses von einem weißen Kissen, das Hofbaumeister Willebrand diesem hingetragen hat, und überreicht sie dem großherzoglichen Bauherrn. Der reicht sie an den Oberkammerherrn von Plessen weiter - der feierliche Akt der Übergabe des Schlosses aus den Händen der Baukommission in die des "fürstlichen Erbauers und Wiederherstellers" ist vollzogen.

Postwendend springt Stallmeister von Brandenstein auf sein Ross und sprengt "nach dem Palais Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin-Mutter, um den hier anwesenden Allerhöchsten Herrschaften befehlsmäßig Meldung zu machen, daß der Einzug ... in das Schloß stattgefunden hat. Daraufhin bewegen sich alle hier versammelten Königl. Hoheiten, die Majestäten von Preußen und die übrigen einheimischen und fremden fürstlichen Herrschaften nebst den Kavalieren und Hofdamen in je zwei mit sechs schwarzen Pferden bespannten Staatswagen und acht zweispännigen Wagen aus dem Palais nach dem Schlosse." Die versammelte Division präsentiert vor dem Preußenkönig und "ein nicht endender Hurrahruf erhob sich, der auch den König während seiner langsamen Vorbeifahrt vor den Fronten der Truppenteile unablässig begleitete." Die Musik spielt "Heil Dir im Siegerkranz"!

14.30 Uhr des Tages war im Schloss die Gratulationscours bei ihrer Königl. Hoheit angesagt, die in einem Dinner für 470 Personen gipfelt, von denen 126 an der Großherzoglichen Tafel im Goldenen Saal speisen, 80 im Thronsaal, 104 in der Ahnengalerie, 40 im Billardzimmer und die übrigen, meist junge Offiziere, im Waffensaal. Übrigens konnten für die Galerien der Säle Billetts erworben werden. Da saßen dann die adeligen von Koppelows neben dem bürgerlichen Senator Müller und schauten mit Lorgnons oder Operngläsern bewaffnet den privilegierten Herrschaften in die Suppentassen oder den Damen in die Ausschnitte.

Die große Illumination am Abend allerdings, die musste ausfallen: Ein scharfer Nordostwind war nachmittags aufgekommen, der das Thermometer auf neun Grad absinken ließ und der "gerade in die Lampen hinein stand". Nur auf Kalkwerder wurde ein Feuerwerk entzündet, "das von dem starken Winde zu leiden hatte".

Schwerin ging zur Nachtruhe in spannender Erwartung des nächsten Tages. Dann nämlich sollte vor dem Haselholz (Großer Dreesch) die gesamte Division zu einer Parade antreten.

SCHWERIN, 27. MAI 1857

Der Tag der Parade

Das freilich führte in Schwerin zu einem Chaos: Kein Wagen, keine Kutsche, keine Equipage war in der Stadt mehr aufzutreiben. So zog denn ein ununterbrochener Strom von Menschen und Wagen raus zum Haselholz. Dort stand, mit dem Rücken zum Faulen See, die stolze Division in Linie angetreten. Ganze 20 Minuten dauerte die Kutschfahrt des Großherzogs entlang der Linie seiner Division, bevor seine Durchlaucht gegenüber seiner Truppe im Zentrum Platz nahm.

Die Parade endete um 12.00 Uhr, die Schweriner gingen nach Hause, die Herrschaften in ihre Unterkünfte zur Stärkung für den nächsten Abend, an dem der erste Ball im neuen Schloss stattfinden sollte. An ihm nahmen die Bürger nicht teil!

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