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21. November 2017 | 17:04 Uhr

Zeltstadt als Mahnwache : Kampieren kontra Kulturabbau

vom

Die Zeltstadt-Bewohner an der Siegessäule in Schwerin sehen sich als bunte und friedliche Mahnwache für ein neues, schlüssiges Theaterkonzept. Sie protestieren still, aber auffällig gegen den Kulturabbau.

svz.de von
erstellt am 26.Apr.2012 | 12:02 Uhr

Altstadt | "Wir sind der einzige öffentliche Campingplatz mitten im Zentrum Schwerins", sagt Karl-Heinz Schäfer gut gelaunt und winkt den Autofahrern zu, die hupend und mit "Daumen hoch" an der bunten Zeltstadt rund um die Siegessäule vorbeifahren. Um Freiluftferien vor Schlosskulisse geht es den Männern und Frauen aber nicht, die zwischen Staatskanzlei, Theater und Landtag seit knapp zwei Wochen wohnen. Sie protestieren still, aber auffällig und an sehr prominenter Stelle gegen Kulturabbau und "für ein schlüssiges Theaterkonzept, mit dem alle Beteiligten gut leben können", wie eine Teilnehmerin formuliert. Von dieser neuen Form des Protests in Schwerin ist sie total begeistert.

"Man lernt hier ganz verschiedene Menschen kennen, diskutiert, findet neue Lösungsstrategien. Und wir zeigen, dass es nicht immer lautstarke Demos auf offener Straße braucht, sondern dass auch friedliches Miteinander als Aktion funktioniert. Das hier ist Protest mit viel Herz", sagt die Wahl-Schwerinerin, die selbst Laientheater spielt und deren Herz so stark fürs Staatstheater spielt, dass sie ihren Geburtstag in den nächsten Tagen auf der Demo-Wiese feiern möchte. Ob die Zelte dann allerdings noch stehen, weiß heute keiner so genau. Abhängig sei das von mehreren Faktoren, erklärt "Kalle" Schäfer: "Unser Zeltplatz muss bei Stadt und Land jeden Tag neu beantragt werden. Wir bleiben nur, so lange wir das auch offiziell dürfen. Und sollten sich die Politiker auf ein neues gutes Theaterkonzept einigen, brechen wir die Zelte natürlich auch ab."

Gut 10 bis 20 Leute gehören zum harten Kern, schlafen bei Regen, Sturm und manchmal sogar Nachtfrost an der Siegessäule, gehen tagsüber zur Schule oder zur Arbeit. Kalle Schäfer ist schon Rentner und deshalb quasi den ganzen Tag über Ansprechpartner für Campingstadtbewohner, Ordnungsbehörden, Unterstützer oder Passanten. "Viele Organisationen helfen uns mit Decken, Zelten oder Essen", sagt er und zählt den Paulskeller, den Bauspielplatz, den Paulsstadttreff und den Biohof Medewege auf. "Wir sind keine Chaoten, wir achten genau darauf, dass hier alles legal zugeht", betont er dann. Ein Auszug aus dem Jugendschutzgesetz hängt im Versorgungszelt.

"Alkohol gibt es hier tagsüber nicht und für Jugendliche sowieso nicht. Wer damit erwischt wird, fliegt raus." Erst nach Einbruch der Dunkelheit darf bei hitzigen Diskussionen rund ums Tonnenfeuer ein höherprozentiger Schluck getrunken werden. Jeden Abend gegen 20 Uhr werden die Sorgen, neuen Ideen und Erfahrungen des Tages besprochen, die ersten Demonstranten krabbeln gegen 22 Uhr in ihre Zelte, die Hartgesottenen halten meist bis 3 Uhr durch, erzählt Schäfer. Danach sind jeweils zwei Leute als Nachtwache abgestellt. "Beschwerden gab es bislang nur über Hunde, die hier ohne Leine liefen, und Feuer, das tagsüber brannte. Das haben wir alles abgestellt." Natürlich erntet die Zeltstadt von den Schwerinern nicht nur Zustimmung. "Manche meckern auch, wenn sie vorbei gehen und sagen, dass das sowieso nichts bringt", sagt Schäfer. "Wir werden ja sehen. Wir halten erstmal durch."

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