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Geschichten von Früher : Kaffee-Runde unter der Elchschaufel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn die Ostpreußen-Fahne vor dem Lübesser Gemeindehaus weht, lädt Bürgermeister Reinhold Kunze zum Heimattreffen ein

svz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 11:59 Uhr

Vor dem Lübesser Gemeindehaus weht die Fahne mit der Elchschaufel. Im Haus wird plachandert. „Plachandern“, so nannte man in Ostpreußen das Klatschen und Tratschen. Rund 30 Gäste haben sich um den großen Tisch versammelt, trinken Kaffee, essen Kuchen und erfreuen sich an Liedern und Texten aus der Heimat. Mittendrin: Bürgermeister Dr. Reinhold Kunze. Zum neunten Mal hat er zum Ostpreußen-Treffen eingeladen. Dass es immer im Januar stattfindet, ist kein Zufall. „Der Januar ist der Schicksalsmonat der Ostpreußen“, sagt Kunze. Er weiß, wovon er spricht.

Reinhold Kunze ist Ostpreuße. Geboren wurde er 1938 in Osterode, dem heutigen Ostroda, die Mutter Ostpreußin, der Vater Schlesier. Im Januar 1945 flüchtete die Mutter mit den vier Kindern in einem Güterzug vor der heranrückenden Roten Armee. „Weit sind wir allerdings nicht gekommen. Unser Zug wurde von den Sowjets eingeholt“, berichtet Kunze. Zu Fuß sei die Familie wieder zurück nach Osterode gegangen.

Von den Polen wurden die Kunzes schließlich aus ihrer Heimat vertrieben, landeten im Auffanglager Küstrin. „Meine Mutter wurde in dieser Zeit schwer krank, lag lange mit Typhus im Krankenhaus in Tribsees“, erzählt Kunze. Mit seinen Geschwistern sei er zu einer einer Tante in Wittenberge gekommen. „Diese Stadt wurde für mich zur zweiten Heimat.“

In Berlin studiert Kunze später Veterinärmedizin. Seit 1976 lebt er als Tierarzt in Lübesse. In der Wendezeit begann das politische Engagement des jetzt 75-Jährigen. Von 1990 bis 1994 war er zum ersten Mal Bürgermeister von Lübesse. Im Jahr 1999 übernahm er das Amt erneut, übt es bis heute aus. Die Idee für das jährliche Ostpreußen-Treffen sei aus dem Lübesser Seniorenclub „Platt-Snacker“ an ihn herangetragen worden, sagt Kunze. „Bürgermeister, Du bist doch Ostpreuße, mach doch mal was.“ Und Kunze ließ sich nicht lange bitten. 2006 fand das erste Treffen statt. „Es geht uns nicht um Heimattümelei“, betont der Bürgermeister. „Wir wollen uns gemeinsam an früher erinnern, treten aber auch für die Verständigung mit unseren Nachbarn im europäischen Haus ein.“

Nach 1945 seien viele Ostpreußen nach Mecklenburg gekommen, erklärt Kunze. „In der DDR war das Wort ,Vertriebene‘ allerdings tabu, von Umsiedlern ist stattdessen die Rede gewesen.“ So gäbe es durchaus Nachholbedarf bei der gemeinsamen Erinnerungsarbeit, sei es auch kein Wunder, dass nicht nur Lübesser zu den Treffen im Gemeindehaus kämen, sondern auch Schweriner, Banzkower oder Sülstorfer, schildert der Lübesser Bürgermeister. Er würde sich freuen, wenn es im kommenden Jahr das zehnte Ostpreußen-Treffen im Ort geben würde. „Dazu müsste dann aber der neue Bürgermeister einladen“, sagt Kunze. Bei der Kommunalwahl am 25. Mai werde er nicht mehr antreten.

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