Schwerin : Jugendamt: Gefahr für Kinder wächst

Ausgelassene Stimmung auf dem Hafenfest. Hier tanzten aber auch betrunkene Eltern mit ihrer nicht mal ein Jahr alten Tochter.
Foto:
Ausgelassene Stimmung auf dem Hafenfest. Hier tanzten aber auch betrunkene Eltern mit ihrer nicht mal ein Jahr alten Tochter.

Wöchentlich zwölf Meldungen: Jugendamt verzeichnet Anstieg der Hinweise der Schweriner, aber auch der Inobhutnahme des Kindes

von
03. Juni 2016, 06:00 Uhr

Der Fall der betrunkenen Eltern, die nachts mit ihrer knapp einjährigen Tochter beim Hafenfest zu lauter Musik tanzten, bewegt die Schweriner. Nachdem die Polizei eingeschritten war und das Baby dem Kinder- und Jugendnotdienst übergeben hatte, konnte die Mutter am nächsten Tag die Kleine wieder nach Hause holen. „Das ist eine Sauerei, warum greift das Jugendamt nicht ein?“, ist noch einer der harmlosesten Kommentare in den sozialen Netzwerken. SVZ fragte im Amt nach.

„Es lagen keine Gründe mehr vor, das Kind in Obhut zu behalten oder gar das Familiengericht einzuschalten“, sagt Birgit Habecker, Leiterin des Sozialpädagogischen Dienstes im Schweriner Jugendamt. „Unser Auftrag ist es, das Kind und das Familiensystem zu schützen.“ Der Bereitschaftsdienst des Sozialpädagogischen Dienstes – fünf sich wöchentlich abwechselnde Gruppen mit je vier Sozialarbeitern, unterstützt von einer Leitungskraft – und der außerhalb der Dienstzeiten tätige Partner Kinder- und Jugendnotdienst der Arbeiterwohlfahrt nähmen immer dann Kinder und Jugendliche in Obhut, wenn eine akute Kindeswohlgefährdung abgewendet und eine aktuelle Krise in der Familie bewältigt werden müsse. „Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen, wenn möglich, wieder in die elterliche Betreuung zurückzugeben und den Eltern dazu die nötigen Hilfen zur Erziehung anzubieten“, sagt Jugenddezernent Andreas Ruhl. Und obwohl er aufgrund des Datenschutzes nicht auf den konkreten Fall eingehen könne, betonte Ruhl, „dass genau das geschehen ist“. Es bestehe ein Netzwerk, dass sofort einschreiten könne, wenn erneut eine Gefahr für das Kind entstehe.

Solche Netzwerke, die von der Kinderärztin und Hebamme über Kita-Erzieher, Lehrer bis hin zu Familienangehörigen reiche, werden in Schwerin immer öfter gebraucht. Durchschnittlich zwölf Hinweise auf Kindeswohlgefährdung gehen wöchentlich beim Kinder- und Jugendnotdienst der Awo und beim Bereitschaftsdienst des Jugendamtes ein. Den Spitzenwert lieferte ein Tag mit 18 Hinweisen. 2015 waren es noch durchschnittlich 8,8 Hinweise pro Woche, 2014 durchschnittlich 10,5. „Die Fälle werden dabei immer komplexer und es müssen immer mehr Leute eingebunden werden“, so Ruhl.

Diesen Hinweisen geht das Jugendamt bzw. sein Partner Awo nach einem für Schwerin zugeschnittenen Verfahren nach. Das beinhaltet das Abarbeiten von Protokollen, das Erstellen von Dokumentationen und reicht von Hausbesuchen bis hin zur Einbindung Freier Träger der Jugendarbeit im jeweiligen Wohnquartier. Analysiert werde die häusliche und soziale Situation der Familie dabei ebenso wie das Erscheinungsbild und Verhalten des Kindes und der Geschwisterkinder. Auch die Kooperationsbereitschaft der Eltern spielt eine Rolle. Hinterfragt würden auch die Ressourcen der Eltern. Je nach Einzelfall schaltet das Amt auch Beratungsstellen, Kita, Ärzte, Schulen und Polizei ein. Bei akuter Gefährdung wird das Kind sofort in Obhut genommen, erläutert Birgit Habecker.

Kooperieren die Eltern nicht, weisen also die Hilfen des Amtes ab, wird das Familiengericht eingeschaltet. Das entscheidet aber nicht etwa über die Richtigkeit der Inobhutnahme, sondern über das weitere Vorgehen. 50 akute Fälle der Kindeswohlgefährdung gab es im vergangenen Jahr bei 455 Meldungen. 2014 waren es 41 Fälle. 19-mal musste 2015 das Familiengericht eingeschaltet werden – bis hin zum Entzug der elterlichen Sorge. Die Notfall-Hotline ist 0385/5454444.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen