Schweriner Merkwürdigkeit : Jobcenter lehnt Hilfe nach Sucht ab

In der alten Poliklinik in der Schelfstadt werden ehemalige Suchtpatienten auf die Rückkehr in den Alltag vorbereitet.
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In der alten Poliklinik in der Schelfstadt werden ehemalige Suchtpatienten auf die Rückkehr in den Alltag vorbereitet.

Behörde zahlt keine Leistungen bei stationärer Nachsorge in alter Poliklinik

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31. März 2016, 23:47 Uhr

Drogen waren ihr ständiger Begleiter – 15 Jahre lang. Doch nun hat Jacqueline Müller (Name von der Redaktion geändert) ihre Sucht überwunden – mit einer Therapie in der AHG Klinik in Vitense-Parber bei Rehna. „Nach der Entziehung fühle ich mich sehr gut“, sagt die 29-Jährige. Auch beim Weg zurück in den Alltag bekommt Müller nun Hilfe. Sie nimmt an einer so genannten Adaptionsmaßnahme teil. Drei Monate lang wohnt sie in der ehemaligen Poliklinik in der Schelfstadt, wird sozialpädagogisch betreut, organisiert ihren Tagesablauf, macht Betriebspraktika. „Ich möchte mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen“, erklärt die Neu-Schwerinerin.

Finanziert wird die Adaption im Normalfall vom Rententräger. Vom Jobcenter bekommen die Teilnehmer kein Geld, auch Jacqueline Müller nicht, obwohl arbeitslos und auf Unterstützung angewiesen. „Das Schweriner Jobcenter fühlt sich für unsere Adaptionspatienten nicht zuständig“, sagt Dr. Thomas Fischer, Chefarzt der AHG Klinik Schweriner See in Lübstorf. Andere Jobcenter in der Republik seien beim Thema Adaption entgegenkommender, reagierten nicht mit Abwehr, sondern gewährten Leistungen, erkannten die Integrationserfolge an.

Ronald Wenk, Sprecher des Schweriner Jobcenters, sieht sein Haus jedoch im Recht. „Wir orientieren uns an der Urteilssprechung des Bundessozialgerichtes“, betont Wenk. Danach hätten Menschen, die in einer stationären Einrichtung untergebracht seien, keinen Anspruch auf Leistungen vom Jobcenter. Es sei denn: Sie gingen tatsächlich mindestens 15 Stunden in der Woche einer Beschäftigung nach. Dass andere Jobcenter die Gesetze offenbar anders auslegen, ist für Wenk kein Grund, die bisherige Linie des Schweriner Centers zu verlassen. „Möglicherweise liegen die Fälle in anderen Jobcentern anders“, sagt er.

Gabriele Häberlein, Sozialpädagogin und Betreuerin von Adaptionspatienten in der alten Poliklinik, hat kein Verständnis für die Haltung des Schweriner Jobcenters. Was die Patienten über den Rententräger bekämen, reiche gerade für Unterbringung und Essen. „Es entstehen aber auch Kosten zum Beispiel für Fahrscheine oder Freizeitaktivitäten“, so Häberlein. Weil das Jobcenter nicht zahle, müssten sich die Patienten an das Sozialamt wenden, wenn sie finanzielle Unterstützung benötigten, erläutert die Betreuerin. Allerdings: Das Sozialamt verlange zunächst einen Ablehnungsbescheid des Jobcenters. Im Klartext: Die Adaptionsteilnehmer müssten erst Leistungen im Jobcenter beantragen – im sicheren Wissen, dass der Antrag abgelehnt werde.

„Für unsere Patienten, die gerade erst ihre Sucht überwunden haben, bedeutet diese Situation großen Stress“, sagt Chefarzt Fischer. Stress, der zum Rückfall in die Sucht führen könne – und der vermeidbar sei, denn nach der Adaptionsphase sei für die Betreffenden meist ohnehin das Jobcenter zuständig und gewähre auch in der Regel die Leistungen – freilich erst nach einem neuen Antrag. Jobcenter-Sprecher Wenk räumt ein, dass das Verfahren für den Einzelnen mitunter belastend sein könne, aber es entspreche den gesetzlichen Vorschriften. „Jeder Fall wird genau geprüft“, versichert Wenk.

So wird auch Jacqueline Müller, obgleich genervt vom Hin und Her der Antragstellung, einen zweiten Antrag beim Jobcenter einreichen. Die 29-Jährige hofft aber, bald auf eigenen Beinen stehen zu können. „Mein Praktikumsbetrieb hat mir eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in Aussicht gestellt“, sagt sie stolz.


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