Sport in der Landeshauptstadt : Japanische Kampfkunst in Schwerin

<strong>Seit 30 Jahren übt Pierre Congard Aikido aus</strong> und hat auch schon den sechsten Dan. Tochter Anna  (r.) ist dem Sport genauso verfallen wie ihr Vater.<foto>reinhard klawitter</foto>
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Seit 30 Jahren übt Pierre Congard Aikido aus und hat auch schon den sechsten Dan. Tochter Anna (r.) ist dem Sport genauso verfallen wie ihr Vater.reinhard klawitter

Der gebürtige Franzose, Pierre Congard, ist 1993 mit seiner Frau in die Landeshauptstadt gezogen und hat hier ein traditionelles Dojo errichtet. Mit Erfolg: Seine Kurse sind immer gut gefüllt.

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07. Januar 2013, 11:00 Uhr

Paulsstadt | "Bitte die Schuhe vor dem Betreten ausziehen", dies liest jeder Besucher als erstes, wenn er die Aikido-Schule von Pierre Congard betritt. Aber nicht die Bitte ist das Ungewöhnliche, sondern vielmehr, dass jeder es befolgt. "Aikido ist mehr als viele denken, es entwickelt Höflichkeit", erklärt Congard stolz. Mit 15 Jahren hat er angefangen, Aikido-Unterricht zu nehmen. "Ich wollte immer sportlich aktiv sein, aber als Jugendlicher war ich zu dick, um wirklich an Wettkämpfen teilzunehmen." Zum Glück kam der japanische Aikido-Lehrer Toshiro Suga in den Geburtsort von Congard, nach Brest in der Bretagne. "Als ich ihn getroffen habe und die erste Stunde mit erlebte, wusste ich, das ist mein Sport. Hier müssen keine Wettkämpfe geführt werden, das ist perfekt für jeden, der Sport um des Sports willen tun möchte." Und nun ist er dem Sport schon 30 Jahre lang treu geblieben und auch technischer Leiter der Freien Deutschen Aikido Vereinigung. Die FDAV ist die älteste und größte Aikido-Organisation Deutschlands.

Aber Pierres Berufsleben fing ganz anders an: Mit 20 Jahren begann er in Frankreich ein Englischstudium, denn eigentlich war sein Traum, Englischlehrer zu werden. Im Jahr 1985 fuhr er als Fremdsprachen-Assistent nach Belfast, dort lernte er seine jetzige Frau Anette kennen. "Sie war aus dem gleichen Grund da wie ich, und ich fand sie von Anfang an toll", erinnert sich der 49-Jährige noch so, als wäre es gestern gewesen. Er zog wieder nach Frankreich, wo er seine offizielle Sportlehrerlizenz machte. Die Entfernung zu seiner Freundin war dann aber doch zu groß und er zog 1993 nach Schwerin. "Meine Frau wollte einfach nicht umziehen, und da ich überall Aikido machen kann, war das dann beschlossene Sache." Hinzu kam auch der Umstand, dass er nicht alle seine Prüfungen zum Lehrer in Frankreich bestand und der Traum Englischlehrer zu werden, nicht mehr einfach zu erreichen war. Aber dies hielt ihn nicht davon ab, sein Glück zu leben. In Schwerin begann er seine Karriere aber erst als Stadtführer, vor allem für französischsprachige und englischsprachige Gruppen. "Schwerin ist wirklich eine wunderschöne Stadt, die Arbeit dort hat mir das auch noch mal gezeigt und ich kenne die Stadt jetzt richtig gut."

Nebenbei unterrichtete er aber schon Aikido beim Sportverein VfL Schwerin. "Das war schon ganz gut, aber auf Dauer war das von Anfang an nichts. Ich hatte da nur eine normale Sporthalle - kein richtiges Dojo mit speziellen Matten und Wänden." So zog es ihn dann von der Sporthalle in sein eigenes Dojo in die Lübecker Straße 51. "Früher habe ich noch gegenüber gewohnt und durch Zufall mitbekommen, dass die Räume hier zu vermieten sind und umgebaut werden. Da wusste ich gleich, dass ich hier hin muss." Seit 1994 ist er nun schon sein eigener Herr in seinem traditionellen Dojo. Aber der Anfang war gar nicht so einfach: "Der Vermieter hat zwar hier schon renoviert, aber er wollte trotzdem unfassbar viel Geld für diese Halle - und früher war es noch kleiner als jetzt. Aber wir - meine Frau und ich - haben das geschafft."

Nachdem diese ersten Hürden dann überwunden wurden, konnte er sich wieder seinem privaten Glück widmen - 1996 wurde in Frankreich, in seinem Heimatort Hochzeit gefeiert. "Ja, wir sind dann extra hingefahren und haben dort gefeiert und alle eingeladen, weil wir ja sonst nicht so oft nach Frankreich fahren", erklärt der Familienvater. Lange dauerte es dann auch nicht mehr, bis seine Tochter auf die Welt kam. Anna Congard ist jetzt 16 Jahre alt und selbst als Aikido-Schülerin bei ihrem Vater. "Wir können die Beziehungen gut trennen, beim Training bin ich ihr Lehrer und sonst der Vater", sagt Congard stolz.

Nicht nur seine Tochter will noch eine Menge von ihm lernen. Seine Kurse reichen von den Kindern bis hin zu den ganz Großen. "Bei den Erwachsenen-Kursen bin ich mittlerweile schon der Kleinste, das ist ganz schön frustrierend", sagt der 46-Jährige schmunzelnd. Aber das Alter ist dem Aikido-Lehrer egal: "In meinen Kursen ist mir jeder willkommen, der diese tolle Sportart erlernen will." Aber ob groß oder klein - alle hören im Unterricht darauf, was er sagt. Wenn es aber nicht anders geht, übernimmt auch seine Tochter mal die Kleinen und zeigt ihnen neue Handgriffe. Bei den Älteren trainiert sie noch selbst mit, um besser zu werden. Viele Schüler ihres Vaters sind schon seit Jahren dabei und manche prägt der Sport so sehr, dass auch sie diesen zum Mittelpunkt machen - so auch sein Schüler Jan Porthun.

Dieser eröffnete ein eigenes Dojo in Rostock. Als dieser Hilfe brauchte, hat der 49-jährige Familienvater nicht lange überlegt und seinen ehemaligen Schützling als Lehrer in seinem Dojo unterstützt. "Es ist schön für mich zu sehen, dass ich einen jungen Menschen so von diesem Sport begeistern konnte. Da war es für mich selbstverständlich, ihm zu helfen." Er wollte von Anfang an dafür sorgen, dass der Sport in ganz MV bekannt wird und sich vielleicht auch in ganz Deutschland ausbreitet. Zum Teil hat er dies auch geschafft, denn neben dem Dojo in Rostock hat ein ehemaliger Schüler Congards ein eigenes traditionelles Studio in Ludwigslust aufgebaut. "Das Training bei Pierre war genau das, was ich zu der Zeit gesucht hatte", erklärt Christoph Bader. Der gebürtige Hagenower hat vor dem Aikido Karate gemacht, aber wollte schon da lieber etwas Traditionelles und nicht so auf Wettkampf aus, sagt der gebürtige Hagenower.

In der letzten Trainingsstunde vor Weihnachten wurde noch einmal richtig Gas gegeben und dann ging es für zwei Wochen in die Ferien. "Ruhe gehört auch zum Sportmachen, man muss ausgelassen sein, um daran Gefallen zu finden." Auch Pierre genoss die Weihnachtszeit mit seiner Familie in seinem Haus in Krösnitz. "Hier in Schwerin ist es wirklich sehr schön, die Lebensqualität ist einfach toll, gerade für eine Familie." Und ganz untypisch machte die Familie Raclette, Schweizer Käsefondue. "Wir essen gerne Käse und dabei kann jeder draus machen, was er möchte", erklärt Anette Congard. Eine Besonderheit hat das Raclette auch noch: "Wir haben das Gerät damals von der SVZ geschenkt bekommen, weil wir ein Abonnement abgeschlossen haben."


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