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Schweriner Theaterchef muss sparen : Intendant sucht Weg aus der Krise

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Eine drohende Insolvenz des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin kann abgewendet werden. Wie dies möglich ist und wie die Zukunft des Hauses aussieht, darüber sprachen wir mit Intendant Joachim Kümmritz.

svz.de von
erstellt am 10.Feb.2012 | 10:29 Uhr

Altstadt | Eine drohende Insolvenz des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin kann abgewendet werden, wenn die Stadtvertreter am Montagabend der Empfehlung von Haupt- und Finanzausschuss folgen und für die Freigabe von rund 1,4 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt stimmen. Mit der Summe, die größtenteils aus der Oberzentrumsabgabe der Umlandgemeinden stammt, soll der Wirtschaftsplan des Theaters für dieses Jahr ausgeglichen werden. Für eine langfristig tragfähige Lösung indes sind weitere drastische Sparmaßnahmen unumgänglich. SVZ-Redakteur Bert Schüttpelz sprach mit Intendant Joachim Kümmritz, Geschäftsführer der Theater gGmbH, über die Zukunft des Hauses.

Herr Kümmritz, Ihr Arbeitsvertrag ist gerade verlängert worden. Macht es Ihnen bei den derzeitigen Querelen noch Spaß, Intendant zu sein?

Kümmritz: Ja, natürlich, sonst würde ich diesen Job doch nicht machen, wenngleich ich zugeben muss, dass es mehr unfreundliche Momente gibt. Dieses Theater ist mein Kind. Ich arbeite hier seit dem 1. Januar 1979 und seit mehr als 20 Jahren in leitenden Funktionen. Ich werde alles, was ich kann, dafür tun, dass dieses Theater fortbesteht und dass es ihm gut geht. Meine Aufgabe ist, Theater zu machen, gutes Theater, wo die Leute gern hingehen. Und ich glaube, dass das bisher ganz gut gelungen ist.

Dennoch befindet sich das Staatstheater in bedrohlicher Lage. Woran liegt das und wie wollen Sie das schlingernde Schiff wieder in sicheres Fahrwasser bringen?

Zunächst: Ein Kapitän geht nicht als erster von Bord, sondern als letzter, wenn er alles für seine Mannschaft getan hat. Aber soweit wird es nicht kommen. Ich fühle mich diesem Haus, meinem Ensemble, verpflichtet. Das Grundproblem besteht darin, dass das Land seit 17 Jahren seine Zuschüsse deckelt, obwohl die Kosten in allen Bereichen, vor allem im Personalbereich, der in einem Theater 80 Prozent der Kosten ausmacht, erheblich gestiegen sind. Wir haben unsere Eigeneinnahmen in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt und erreichten 2011 rund 4,7 Millionen Euro. Das ist mehr als doppelt so viel wie das vergleichbare Volkstheater Rostock. Wir haben seit 1991 mehr als 250 Personalstellen abgebaut. Mehr geht nicht ohne die Qualität der künstlerischen Arbeit des Hauses zu beschädigen.

Das reicht aber offenkundig nicht aus. Der Wirtschaftsplan weist ein Millionendefizit aus. Haupt- und Finanzausschuss der Stadtvertretung empfehlen, als Soforthilfe die Zuschüsse der Umlandgemeinden an das Oberzentrum zur Rettung einzusetzen sowie 200 000 Euro im laufenden Betrieb einzusparen. Bis Ende März soll ein Sanierungsplan vorliegen. Die Streichung von bis zu 60 Arbeitsplätzen am Theater sind im Gespräch. Was konkret bedeutet das für dieses Theater?

Es wird Kürzungen in allen Bereichen des Hauses geben. Die schwersten Einschnitte sind die Schließung der Fritz-Reuter-Bühne und der Abbau von 15 Musikerstellen der Staatskapelle. Damit schrumpft dieses traditionsreiche Orchester im 450. Jahr seines Bestehens auf eine Größe, die kleiner ist als zu Zeiten des kulturverachtenden NS-Regimes. Wie müssen die Honorarkosten derart senken, dass wir in der nächsten Spielzeit Wagners Tannhäuser nicht mehr spielen können. "Puppen im Park" wird ersatzlos gestrichen, ebenso die Operette "Im weißen Rössl", die wir im Sommer im Strandpavillon in Zippendorf spielen wollten. Das ist bitter und traurig. Mir tun diese Einschnitte weh, weil sie die künstlerische Qualität dieses Hauses schwer beschädigen.

Warum lässt sich das nicht aufhalten?

Aus meiner Sicht besteht das Grundproblem darin, dass bei Politikern das Verständnis dafür fehlt, dass ein Kulturbetrieb kein Wirtschaftsbetrieb ist. Da gelten einfach andere Regeln. Ich will das mal an einem Beispiel verdeutlichen: Im Januar gab es im Lande drei Musiktheaterpremieren: Wir in Schwerin haben Tannhäuser gespielt vor ausverkauftem Haus, 570 Zuschauer. In Rostock kamen 200 zur "Regimentstochter", in Greifswald zu "The Rake’s Progress" 35. Die Unterschiede haben doch nichts mit dem schönen Haus zu tun, sondern mit Qualität.

Doch die kostet, zum Beispiel zusätzliche Musiker, Gastsänger oder Dirigenten, die teuer bezahlt werden.

Richtig. Aber die Zuschauer kommen eben deshalb, weil sie wissen, dass sie Qualität bekommen. Können wir die nicht bieten, bleiben die Besucher weg.

Lässt sich das nachweisen?

Schauen Sie doch nur mal auf die Spielpläne und vergleichen Sie: Im Februar spielen wir 55 Vorstellungen mit eigenem Ensemble, in Rostock sind es 19, beim Theater Vorpommern 11, der Rest sind Gastspiele. Meine Erfahrung ist, dass das Publikum die eigenen Musiker, Sänger, Schauspieler und Tänzer erleben will, die es kennt. Mal abgesehen davon werden die eigenen Leute ohnehin bezahlt.

Die Frage ist dann doch aber, ob so das Haus auch voll wird. Oder?

Stimmt. Das ist die Verantwortung und sicher auch die Kunst des Intendanten, solch einen Spielplan aufzustellen, der beim Publikum ankommt.

Gelingt Ihnen das?

Ich glaube schon. Nennen Sie mir eine Stadt, deren Theater doppelt so viele Besucher hat wie Einwohner. Unser Ensemble hat im Dezember 34 Vorstellungen gespielt, die fast alle ausverkauft waren. Wir hatten 31 000 Besucher.

Dennoch gibt Kritiker, die meinen, Sie wären zu alt für den Job, es fehlen innovative Ideen.

Mag sein, dass das im Verständnis dieser Leute so ist. Ich würde an dieser Stelle ein paar Fakten nennen, die für unser Theater sprechen. Wir bespielen nicht nur das Große Haus und das E-Werk. Wir haben das Konzertfoyer zur Marke entwickelt und das Werk 3 als Experimentierbühne. Ich habe vor 19 Jahren die Schlossfestspiele als Open-Air-Event mit aus der Taufe gehoben. Unsere Theater-Theken-Nacht ist mit dem Bundespreis "Land der Ideen" ausgezeichnet worden. Reichen die Beispiele?

Letzte Frage: Was ist mit den diesjährigen Schlossfestspielen?

Wir spielen den "Bajazzo" im Zirkuszelt von Roncalli auf dem Alten Garten, genau wie geplant. Übrigens: Der Kartenverkauf läuft super, besser als beim Freischütz im vergangenen Jahr.

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