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Balfin-Projekt hilft Schwerinern : Im Huckepack aus der Schuldenfalle

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Mit 23 ist sie allein erziehende Mutter ohne Ausbildung, aber mit 3000 Euro Schulden und sieben Gläubigern. Schwerin liegt unter einer dicken Schneedecke, als die Stadtwerke ihr im Januar 2010 den Strom abdrehen.

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erstellt am 16.Jan.2012 | 09:54 Uhr

Schwerin | Mit Mitte 20 hat er schon 75 000 Euro Schulden und 45 Gläubiger stehen bei ihm Schlange. Mit 23 ist sie allein erziehende Mutter ohne Ausbildung, aber mit 3000 Euro Schulden und sieben Gläubigern. Schwerin liegt unter einer dicken Schneedecke, als die Stadtwerke ihr im Januar 2010 den Strom abdrehen. Jetzt kann sie es nicht mehr verdrängen, sie sitzt in der Schuldenfalle.

"Das ist der Moment, in dem viele junge Schweriner den Weg zu uns finden", sagt Christine Jedwilayt. Sie ist eine von zwei Beraterinnen der Präventionsstelle Balfin. Die Mitarbeiter begleiten mehr als 100 junge Erwachsene pro Jahr durch und aus Zeiten finanzieller Notlagen. "Die Betroffenen kommen dann, wenn sie überhaupt nicht mehr weiter wissen", sagt die 56-Jährige. In den ostdeutschen Bundesländern sind fast zwölf Prozent aller Haushalte verschuldet. Allerdings ist Balfin keine Schuldnerberatung, "sondern unsere Arbeit läuft parallel", sagt Sabine Rheda. Sie sitzt Christine Jedwilayt gegenüber. "Auf dem Papier lässt sich viel regeln, doch die meisten Probleme sitzen tiefer", sagt Sabine Rheda.

Mittlerweile hat aber auch die Präventionsstelle mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Weil das Bundesprojekt "Stärken vor Ort" ausgelaufen ist, kämpft das Balfin-Projekt ums Überleben. Jetzt hofft Thomas Littwin, Geschäftsführer der übergeordneten VSP gGmbH, auf finanzielle Hilfe von Stadt oder Land. Die benötigte Summe von 60 000 Euro könnte das Projekt bis Ende 2012 absichern. Eine Entscheidung wird im Februar erwartet.

Doch so lange läuft die Arbeit weiter. So vermitteln die Frauen ihre Klienten an die Schuldnerberatung und schauen parallel auf die Ursachen. Warum rutschen die jungen Menschen in die finanzielle Schieflage? Wo gibt es Auswege?

Die Klienten von Christine Jedwilayt seien meist Hartz-IV-Empfänger oder Geringverdiener, stammen schon aus sozial schwachen Familien. "Wir sprechen hier von keiner grauen Masse, jeder Einzelne hat sein Päckchen zu tragen", sagt die Beraterin. Seit dem Jahr 2005 saßen mehr als 750 Schuldner in der Beratungsstelle, die sich vor allem um junge Erwachsene kümmert. Etwas mehr als die Hälfte waren Mädchen und allein erziehende Mütter.

"Sie gehen einkaufen, obwohl ihr Konto nicht gedeckt ist, telefonieren zu viel mit dem Handy, werden mehrfach beim Schwarzfahren erwischt", erzählt Christine Jedwilayt. "Irgendwann öffnen sie ihre Briefe nicht mehr und die finanzielle Kontrolle entgleitet ihnen weiter." So rutschte auch ihre 23 Jahre alte Klientin immer tiefer in die Schuldenfalle. "Kindergeld, Hartz IV, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss - sie bezog Geld, hatte aber keinen genauen Überblick, wie viel ihr zur Verfügung stand."

Das geht eine Zeit lang gut. Wenn das Konto nicht mehr gedeckt ist, wird im Internet weiter eingekauft. Viele Versandhäuser geben Kredite. Parallel macht die GEZ ihre Forderungen geltend. "Alle sechs Monate müssen Hartz-IV-Empfänger ihre Befreiung erneuern, manche vergessen das", so Christine Jedwilayt. Dann habe das Kind Geburtstag und soll eine Torte bekommen - die Wünsche seien oft banal, aber das Geld reiche irgendwann eben nicht mehr. "Dann reicht schon eine hohe Nachforderung der Stadtwerke und alles bricht zusammen", sagt die Beraterin weiter. Der erste Schritt der Balfin-Beraterinnen ist "Hilfe zur Selbsthilfe", wie Christine Jedwilayt sagt. "Wir sind keine Schuldnerberatung, sondern schauen eher nach den Ursachen. Nehmen unsere Klienten aber auch an die Hand."

Nach Gesprächen mit den Gläubigern, bei denen Ratenzahlung vereinbart wurde, drehten die Stadtwerke der allein erziehenden Klientin und ihrem Sohn den Strom wieder an. Das Leben ging weiter. Es ging wieder bergauf. Sie begann eine Ausbildung. Alles schien gut zu laufen, bis sie ihre Miete nicht mehr zahlte. "Sie hat mehr als 5000 Euro Schulden angehäuft, seit drei Monaten ist die Miete überfällig", erzählt Christine Jedwilayt. Was so gut aussah, hatte einen Haken. Die Lohnzahlung ihres Ausbildungsbetriebes überschnitt sich nur einige Wochen mit den Fortzahlungen des Jobcenters. Als das Amt seine Bezüge angeglichen hatte und seine zu viel gezahlten Beiträge zurückforderte, schnappte die Schuldenfalle wieder zu. "Das ist ein ganz normaler Vorgang, der aber viele junge unerfahrene Menschen überfordert", erklärt die 56-Jährige. Jetzt sitzt ihre Klientin wieder bei Christine Jedwilayt. "Sie ist auf dem richtigen Weg", sagt ihre Beraterin. "Jetzt müssen wir weitermachen."

In ihrer Not vereinbarte die mittlerweile 24-jährige Mutter mit ihrem Vermieter eine Ratenzahlung in Höhe von 100 Euro monatlich. "Mit einem monatlichen Haushaltsgeld von etwas mehr als 700 Euro und einem kleinen Sohn ist das nicht zu wuppen", so die Einschätzung von Christine Jedwilayt. "Da müssen wir noch einmal neu verhandeln." In den kommenden Wochen wird die 56-Jährige mit ihrer Klientin einen Haushaltsplan aufstellen, finanzielle Ein- und Ausgänge auflisten. Dabei hofft Christine Jedwilayt, dass auch die finanzielle Situation des Balfin-Projektes bald besser wird.

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