SVZ-Zustellerin aus Jamel hört auf : Ihre letzte Zeitungsrunde

Bevor Waltraud Klinner die SVZ liest, steckt sie die Zeitung den Abonnenten in Jamel und Goldenstädt in den Kasten.
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Bevor Waltraud Klinner die SVZ liest, steckt sie die Zeitung den Abonnenten in Jamel und Goldenstädt in den Kasten.

Waltraud Klinner hat 20 Jahre lang dafür gesorgt, dass die Leser in Goldenstädt und Jamel pünktlich ihre Zeitung bekommen

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30. Mai 2017, 12:00 Uhr

Ein letztes Mal klingelt der Wecker von Waltraud Klinner noch einmal um 2.30 Uhr. Seit zwei Jahrzehnten schlüpft die Jamelerin um diese Uhrzeit aus dem Bett, da die Arbeit ruft. Waltraud Klinner trägt die Schweriner Volkszeitung aus und sorgt dafür, dass auch Briefe, Kataloge und Anzeigenblätter zugestellt werden. Dass sie dafür aus dem Bett muss, wenn so manch einer erst reinkrabbelt, stört sie nicht. „Ich war schon immer ein Frühaufsteher und so habe ich meine Arbeit eben schon erledigt, wenn die Sonne aufgeht.“ Nach dem Weckerklingeln gönnt sie sich einen kleinen Kaffee, sortiert die Briefe, Kataloge und dann geht es los. Meistens mit dem Fahrrad. „Ich habe nur einen Führerschein für den Traktor. Später durfte ich auch so ein 25er-Auto fahren. Aber ich gehe lieber zu Fuß oder nutze das Fahrrad“, erklärt die 63-Jährige. Das macht sie übrigens bei Wind und Regen ebenso wie bei Schneegestöber. „Ich mag natürlich die milden Temperaturen lieber. Denn wenn wir starten, ist oft noch kein Räumdienst unterwegs gewesen. Schon gar nicht auf dem Radweg zwischen Jamel und Goldenstädt“, erzählt Waltraud Klinner und verdreht die Augen. Fertig ist sie mit ihrer Zusteller-Runde meistens zwischen 6.30 und 7 Uhr. Anschließend gibt es Frühstück und ganz wichtig: „Dann lese ich in Ruhe die Tageszeitung.“

Die frühe Arbeit habe auch schöne Seiten: Schließlich könnten nur Wenige behaupten, bei der Arbeit Hasen, Rehen oder anderen Wildtieren zu begegnen. „Zum Glück war noch nie ein Wildschwein auf meiner Strecke unterwegs“, schiebt sie hinterher und lacht. Gelernt hat Waltraud Klinner einen Landwirtschaftsberuf. Später hat sie viele Jahre bei der Forst gearbeitet. „Mitte der 90er kam die Entlassungswelle und sie brauchten mich nicht mehr“, erzählt sie. Mit der Ausbildung und ohne Auto-Führerschein sei es schwer gewesen, etwas zu finden. Aber nichts tun, das wollte Waltraud Klinner auf keinen Fall. Dann kam das Angebot von Bekannten, den Zusteller-Job zu übernehmen. Das war am 1. Juli 1997. Schluss ist nun am 31. Mai. In all den Jahren gab es keine Reklamationen. „Sicher kam ich auch mal etwas später, aber entweder waren die Zeitungen nicht pünktlich da oder das Rad ging unterwegs kaputt. Aber ich habe die Zeitung immer gebracht“, erklärt die einstige Forstwirtin.

Dass sie nun traurig ist, kann die dreifache Oma nicht behaupten. „Sicher wird es mir fehlen und ganz bestimmt wird es den einen oder anderen Tag geben, an dem ich morgens um halb drei wach bin“, sagt sie. „Doch jetzt habe ich wieder mehr Zeit für Haus und Hof – auch sehr schön.“ Wie auch für die Enkelkinder und die Freundinnen.

Auf die Frage nach Wünschen schüttelt die 63-Jährige den Kopf: „Ich muss keine großen Reisen machen. Ich fühle mich hier wohl, genieße die Ruhe am Waldrand.“ Vorgenommen hat sie sich auch nichts. Außer: „Demnächst räume ich den Wecker weg. “

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