Wittenfördener Gesichter : Hier bleibt die Zeit selten stehen

Mit einer Handkurbel zieht Ralph Nemitz das Uhrwerk auf. Dann schlägt sie fünf Tage und zwei Stunden.
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Mit einer Handkurbel zieht Ralph Nemitz das Uhrwerk auf. Dann schlägt sie fünf Tage und zwei Stunden.

Wie spät ist es? Die Kirchturmuhr zeigt es den Wittenfördenern seit 160 Jahren, doch eine Restauration ist dringend an der Zeit

svz.de von
11. August 2016, 05:00 Uhr

„Bevor die Uhr nicht sieben schlägt, fahren wir nicht vom Hof.“ Ralph Nemitz erinnert sich noch gut an diesen Satz, den ihm die LPG-Traktoristen Mitte der 1980er-Jahre öfter mal gesagt haben. So auf den Schlag der Kirchturmuhr sind die Wittenfördener heute zwar nicht mehr fixiert, doch die meisten finden es gut, dass es ihn noch gibt. Und, dass auf ihn auch fast immer Verlass ist.

Der Aufstieg in den Turm der Kirche Wittenförden ist etwas abenteuerlich. Erst geht es Steinstufen hoch, dann eine Holztreppe und zuletzt die Sprossen einer senkrecht stehenden Aluminium-Leiter hinauf. Ihre besten Tage hat die Kirche hinter sich, aber wenigstens schützt ein neues Dach das 160 Jahre alte Gemäuer vor Wind und Nässe. Ralph Nemitz kennt jede Stufe und jede Sprosse genau, denn er benutzt sie regelmäßig, um an das zu gelangen, was in gut 30 Meter Höhe auf einem kleinen Zwischenboden steht: ein Uhrwerk. Gut 30 seiner 55 Jahre kümmert sich Nemitz um diese Uhr, repariert und reinigt sie, damit die Wittenfördener wissen, was ihnen die Uhr geschlagen hat. „Schon mein Großvater Rudolf Wissel hat das gemacht“, sagt der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde.

Die Uhr schlägt zwei. „Aber mit zehn Minuten Verspätung“, weiß Nemitz. Seit einigen Wochen ticke sie nicht mehr so genau. „Der Sekundenmechanismus ist schwer zu justieren“, sagt der gelernte Landmaschinenschlosser, der heute als Programmierer arbeitet. Die Lagerschalen müssten mal nachgefräst und die Wellenzapfen erneuert werden. „Aber dafür muss ein richtiger Spezialist ran.“ Einer dieser Spezialisten, der Klockenschauster Hans-Joachim Dikow aus Schwerin, kennt sich bestens mit Kirchturmuhren aus. „Er war auch schon mal hier, hat sie sich angesehen“, sagt Nemitz.

Wenn die Uhr auf Vordermann gebracht wird, dann soll auch die entsprechende Elektronik eingebaut werden, die die Handarbeit ablösen kann. Bisher muss die Uhr per Handkurbel aufgezogen werden. Jetzt, wo Ralph Nemitz schon einmal oben ist, kann er dies auch gleich tun. „Fünf Tage und zwei Stunden schlägt die Uhr dann“, weiß er. In diesem Zeitraum müsse nachgezogen werden, sonst stehen die Zeiger der drei Turmuhren auf der West-, Süd- und Nordseite still und die Glocke bleibt stumm.

Walter Kelle vom Kirchengemeinderat hat die Finanzierung der Uhr-Modernisierung im Blick. Beim Kirchenfest konnte ein Gewinn von 1200 Euro erwirtschaftet werden. Diese Einnahmen flossen in den Kirchturmuhr-Fonds, der jetzt insgesamt 4215 Euro umfasst. Das sind zwei Drittel der Gesamtkosten, die für die Elektrifizierung benötigt werden.

Bis das Geld zusammen ist, wird Ralph Nemitz aber noch oft die Stufen zur Turmuhr hinauf steigen.

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