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Zwischen Himmel und Erde : Herrn Biekers Traum vom Fliegen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Als Kind wollte er mal Hubschrauber steuern, doch jetzt geht der 47-Jährige mit einem Gyrocopter in die Luft und bietet Rundflüge an

svz.de von
erstellt am 14.Aug.2014 | 21:00 Uhr

James Bond kann einfach alles. Besonders dann, wenn die Lage ausweglos ist. Gleich vier Helikopter-Besatzungen hält er 1967 im Film „Man lebt nur zweimal“ zum Narren, entwischt ihnen nach einer rasanten Verfolgungsjagd in seiner „Little Nelly“, einem Gyrocopter. Hauptdarsteller Sean Connery kämpft als Spezialagent im Filmstudio um die richtige Mimik, sein Double Ken Wallis hält bei den Luftszenen den Kopf hin und den Gyrocopter auf Kurs. Michael Bieker dagegen macht keine waghalsigen Stunts zwischen Himmel und Erde und fliegt seinen Tragschrauber lieber gleich selber – und wer mit ihm vom Segelflugplatz Pinnow abhebt, der erlebt in der Luft eine ganz entspannte Zeit mit viel Fahrtwind und faszinierenden Ausblicken.

Schon als Kind hatte Michael Bieker einen Traum: Er wollte Hubschrauber fliegen. „Letztlich ist es ein Gyrocopter geworden. Das kommt der Sache aber nahe und ist auch erschwinglicher“, sagt der 47-Jährige und setzt sich einen Helm auf. Seinen Tragschrauber hat er schon aus dem Hanger am Flugplatz Pinnow gerollt. Kein Kraftakt, denn das Ultraleichtfluggerät wiegt unbemannt 250 Kilo. Gleich lässt er den 100 PS-Propeller am Heck an, der für den richtigen Schub sorgen soll, damit der Gyrocopter Tempo aufnehmen und abheben kann. Ein zweiter, waagerecht stehender Rotor wird später vom Fahrtwind beflügelt. Dabei strömt die Luft schräg von unten gegen den Hauptrotor, der dadurch ähnlich einer Windkraftanlage angetrieben wird.

Es ist Mittagszeit. Der Wind weht mäßig und schiebt ein paar weiße Wolken durch die Luft. Auf eine Jacke verzichtet Pilot Bieker an diesem heißen Sommertag. „Pro 100 Meter Höhe wird es um einen Grad kälter“, weiß der Mann am Steuerknüppel. Obwohl er mit seinem Fluggerät rund 1,6 Kilometer über Meeresspiegel fliegen dürfte, dreht er seine Runden über Schwerin und Umgebung am liebsten in einer Höhe von 400 bis 500 Metern. „Dann sieht man am besten“, sagt er. Hinter dem Pilotensitz ist noch ein Platz frei und reserviert für Gäste, die sich einen Rundflug über die Region gönnen und Bieker nebst Tragschrauber mieten wollen. Die Berechtigung, Personen zu befördern, hat er.


Zwei Jahre lang für Lizenz trainiert


„Lizenz für Tragschrauber plus Passagierberechtigung“, heißt es im Fachjargon. Dafür hat er zwei Jahre lang 50 Flugstunden, 150 Starts und Landungen sowie fünf Stunden Soloflug absolviert. „Von Flugevents und Flugservice werde ich nicht leben können“, ist sich der gebürtige Essener sicher, der seit 2011 in Pinnow wohnt. Vor einigen Jahren sagt er, habe er einen Arbeitsunfall gehabt, könne deshalb seinen Job als Pharma-Außendienstmitarbeiter nicht mehr wahrnehmen. „Mit dieser Flieger-Tätigkeit kann ich mir aber eines von mehreren finanziellen Standbeinen aufbauen“, hofft er. Doch bisher hat er nur investiert. 40 000 Euro für einen gebrauchten Gyrocopter, mehrere zehntausend Euro für Flugstunden, Lizenz oder laufende Kosten.

Den Funkverkehr im Ohr, ein landendes Motorflugzeug im Blick – Michael Bieker rollt auf das Startfeld. Der Gyrocopter beschleunigt, hebt wenige Sekunden später ab. Der Gurt sitzt fest. Das macht Sinn, denn das Fluggerät ist an den Seiten und oben offen. „Ideal zum Fotografieren, denn es gibt keine Verspiegelung“, erzählt der Pilot, der bisher rund 75 Flugstunden absolviert hat.

Mit der rechten Hand hält Bieker den Steuerknüppel, mit der linken bewegt er den Gashebel. Hebel nach vorne, dann gehts hoch. Hebel nach hinten, es geht abwärts. Wer in solch einen Tragschrauber steigt, der muss sich auf das Können des Piloten verlassen. Bieker: „Disziplin und Konzentration sind gefordert. Ein guter Pilot ist, wer sich niemals außerhalb der Grenzen bewegt. Leichtsinn ist gefährlich.“


Fällt der Motor aus, ist das Gerät noch flugfähig


Aber wie sicher ist solch ein Gyrocopter? Abgestürzt sind schon mehrere: „Das Gerät ist immer noch voll flugfähig, auch wenn der Motor ausfällt“, sagt Bieker und ergänzt, dass regelmäßige Wartungen des Fluggerätes Pflicht seien.

Den Schweriner See lässt der Pilot rechts unten liegen. Falls eine unvorhergesehene Landung nötig sei, sagt er, eignen sich Wasserflächen nicht dafür. Er fliegt über den Zippendorfer Strand, über die Schweriner Altstadt, dreht bei Medewege bei und hat seine Geschwindigkeit von 120 auf 30 Kilometer pro Stunde gedrosselt. In der Ferne ist die Wismarer Werft zu sehen. Wer es möchte, den bringt der Pilot auch bis zur Ostsee. Godern, Raben-Steinfeld, Pinnow – aus der Luft gesehen gleichen die Orte Miniaturlandschaften. Sinkflug, dann setzt der Gyrocopter schon wieder ganz unaufgeregt auf dem Rollfeld auf.

James Bonds „Little Nelly“ ließ sich im Handumdrehen vierteilen und verstauen. Michael Bieker schiebt sein Fluggerät dagegen unspektakulär zurück in den Hangar. Nein, Aktion, die braucht er nicht. Diese gemütliche halbe Stunde in der Luft reichten ihm, um zu wissen, dass er seinen Traum vom Fliegen längst wahr gemacht hat – und ihn immer wieder aufs Neue verwirklichen kann.

 

 

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