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Zeitung für die Landeshauptstadt

19. November 2017 | 17:14 Uhr

Hut ab : Herr Kelle und die Griffelkunst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wittenfördener kümmert sich um die Schweriner Gruppe eines Hamburger Vereins, der breites Interesse an der bildenden Kunst fördern will

svz.de von
erstellt am 08.Mai.2015 | 16:00 Uhr

Die Pakete sind da. Drei Stück. Schwer sind sie nicht, dafür unhandlich. Sie stecken voller eingerollter Kunst. Alles Originale. Alles Werke von Künstlern, die auch Grafiken der Griffelkunst-Vereinigung zur Verfügung stellen. 70 Exponate. Wie sehen sie wohl aus, die Radierungen, die Lithographien oder Fotografien der diesmal neun Männer und Frauen, die sich der zeitgenössischen Kunst verschrieben haben? Walter Kelle ist gespannt. Wie immer, wenn die Pakete da sind. Walter Kelle wird dafür sorgen, dass am Sonntag die Drucke auf der Empore der Wittenfördener Kirche präsentiert, begutachtet und bestellt werden können. Einmal im Mai, einmal im November. Zweimal im Jahr gibt es Ausstellungen der neuesten Editionen der Griffelkunst-Vereinigung im betagten Gotteshaus der Schweriner Umlandgemeinde. Walter Kelle organisiert sie für die 15 Mitglieder der Schweriner Gruppe. Er hat die Gruppe auch gegründet. Vor 21 Jahren. Der Mutterverein, die Griffelkunst-Vereinigung, ist schon 90 Jahre alt. Walter Kelle ist 20 Jahre jünger und eines von 4400 Mitgliedern der Hamburger Vereinigung. „Seit 1977“, sagt Kelle. Lust und Neugier auf moderne Kunst trieb den gebürtigen Bad Oeynhausener dazu an. Und die Aussicht, für einen Jahresbeitrag – dieser beträgt heute 132 Euro – an vier Originaldrucke mit Signatur pro Jahr zu kommen. Und Altmitglieder kamen schon in den Genuss, auf diesem Weg Drucke von Heinrich Zille, A. Paul Weber, Max Pechstein, Ernst Barlach, Sigmar Polke und auch Gerhard Richter zu erwerben. Aber es gibt einen Ehrenkodex. „Die Mitglieder dürfen ihre erstandenen Drucke nicht weiterverkaufen“, weiß Kelle. Wer sich nicht daranhält, der kann seine Mitgliedschaft verlieren. Um die 200 Drucke besitzt Ruheständler Kelle mittlerweile. Richter, Polke oder Pechstein sind nicht dabei. Aber ein Holzdruck des Grafikers Willem Grimm hängt hinter Glas an der Wohnzimmerwand. Das Motiv: fünf musizierende Fastnachtsgestalten, die direkt aus dem Material zu wachsen scheinen. „Mein Lieblingsdruck“, schwärmt Kelle.

1925 gründete Volksschulpädagoge Johannes Böse die Griffelkunst-Vereinigung. „Das Verständnis für und die Liebe zur bildenden Kunst in unserer Gesellschaft zu entdecken, zu entwickeln und zu verbreiten“ – so fasste er sein Anliegen mal in Worte. Und mit der Grafik, die sich leicht reproduzieren lässt, waren und sind bis heute viele Menschen am schnellsten zu erreichen. „Künstler und die Bevölkerung in Verbindung zu bringen, Kunst bezahlbar zu machen, das sind spannende und gute Sachen“, sagt Walter Kelle. Und so hat er der Schweriner Gruppe, eine von derzeit mehr als 80 Untergruppen der Hamburger Vereinigung, Leben eingehaucht.

11.30 Uhr, am kommenden Sonntag, nach dem Gottesdienst, sind die Werke zu sehen. Aber nur für 90 Minuten. „Die Ausstellung ist offen für alle, aber vornehmlich kommen unsere Mitglieder. Da reicht die Zeit in der Regel aus“, erklärt der stellvertretende Kirchengemeinderats-Vorsitzende Kelle die kurze Öffnungszeit. Die Idee, die Kunst in der Kirche auszustellen, sei bei Pastor Roland von Engelhardt und seinem Vorgänger Martin Wielepp sehr positiv aufgenommen worden. „Ich muss mir vorher aber die Drucke anschauen, damit nichts Kirchen diffamierendes in die Ausstellung kommt“, sagt Kelle. Bisher war nichts dergleichen dabei. Und nach der ersten Durchsicht der neuen Edition, wird auch diesmal kein Druck durchs Sieb fallen.

 

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