Naturschutz : Herbergen für Wanderer

Regenwasser gespeiste Sölle sind zum Teil selbst für Experten schwer zu definieren, weil Kleingewässer wie dieses in Neumühle auch mit dem Grundwasser verbunden sein können.  Fotos: Behr (2)
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Regenwasser gespeiste Sölle sind zum Teil selbst für Experten schwer zu definieren, weil Kleingewässer wie dieses in Neumühle auch mit dem Grundwasser verbunden sein können. Fotos: Behr (2)

Schwerins uralte Biotope drohen zu verschwinden: Seit der Eiszeit sichern Sölle die Bestände umherziehender Kröten und Eidechsen

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28. November 2014, 16:00 Uhr

Eingebettet zwischen sieben Seen ist Schwerin reich. Die Naturschätze liegen oft nur einen Steinwurf entfernt. SVZ geht mit dem BUND auf Tour in die Biotope der Landeshauptstadt und erklärt, wo Schweriner mit etwas Geduld einzigartige Tiere und Pflanzen entdecken können.

Jeder Schweriner kennt sie: Sie sind uralt, werden vor allem im Herbst sichtbar, verschwinden manchmal auch ganz und tauchen unerwartet wieder auf: Himmelsaugen. Wenn Bauern Mais und Getreide abgeerntet haben, werden die Oasen sichtbar, in deren Wasser sich der Himmel spiegelt. In der kalten Jahreszeit dienen die Biotope auf den Feldern rund um die Landeshauptstadt Fröschen, Eidechsen und Co. als Winterquartier. Im Frühjahr erwacht das Leben in den „Löchern“. Dann werden sie für tierische Wanderer besonders in der lebensfeindlichen, intensiven Ackerwelt zwischen Pestiziden und Dünger eine überlebenswichtige Herberge. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ernannte Sölle zum Biotop des Monats November.

Die jüngste Eiszeit hat die teils mehrere Meter tiefen Hohlformen in die Landschaft geschnitten. Regenwasser speist die so genannten Sölle auf den Äckern rund um Schwerin und in Westmecklenburg mit Feuchtigkeit, in deren Oberfläche sich häufig der Himmel spiegelt. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es zehntausende von ihnen.

Nicht nur einzelne Amphibien, sondern Frösche, Kröten, Molche und Salamander nutzen Sölle als Trittsteine für ganze Populationen, nutzen sie als Kinderstube. Trocknet ein Soll im heißen Hochsommer aus, ziehen sie weiter, führt ein „Loch“ wieder Wasser, kommen sie wieder. „Wandernde Arten müssen in der Lage sein, die Distanzen zwischen einzelnen Söllen und weiteren Biotopen zurücklegen zu können“, sagt BUND-Naturschutzexpertin Janine Wilken.

An den Kleingewässern siedeln auch Wasserkäfer, -wanzen und Libellen mit ihren Familien. Unter der Wasseroberfläche fühlen sich Muscheln und Schnecken zuhause. Auf kleinster Fläche tummelt sich während der Sommermonate das blühende Leben. Der Wasserschlauch macht unter der Oberfläche mit Fangblasen Jagd auf Kleinstlebewesen, gleich neben der besonders geschützten weiß blühenden Wasserfeder und der gelben Wasser-Schwertlilie. Weiden und Erlen tauchen das Kleinod in angenehmen Schatten.

Aber die Oasen sind durch intensive Landwirtschaft in Gefahr und damit auch ihre Bewohner. „Sie sind gefährdet, wenn die Abstände durch fehlende Trittsteinbiotope auf den Äckern zu groß wird“, so Janine Wilken weiter. Ab einer Fläche von 25 Quadratmetern sind Sölle deshalb gesetzlich geschützt. Sammeln sich von den Äckern zu viele Nährstoffe in den „Löchern“, verschiebt sich das Artenspektrum, die Gewässer drohen zu verlanden. Hinzu kommen die Entwässerung großer Ackerflächen, das Verfüllen mit Erde und die Nutzung als illegale Müllhalde.

Um die Sölle zu schützen, erarbeiten Behörden so genannte Managementpläne für Flora-Fauna-Habitat-Flächen (FFH) und Areale wie das EU-Vogelschutzgebiet „Schweriner Seen und Umland“. Damit Kröten und Co. im Schutz der Himmelsaugen auch über die nächsten Winter kommen.

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