Verborgene Schätze : Heldenkult in Handarbeit

Die Vielfalt der naiven und traditionellen Kunst fasziniert Museumsleiterin Gesine Kröhnert am Traditionszimmer. In der Lortzingstraße werden die Ausstellungsstücke heute trocken gelagert. Einen authentischen Wiederaufbau soll es aber nicht geben.
Die Vielfalt der naiven und traditionellen Kunst fasziniert Museumsleiterin Gesine Kröhnert am Traditionszimmer. In der Lortzingstraße werden die Ausstellungsstücke heute trocken gelagert. Einen authentischen Wiederaufbau soll es aber nicht geben.

Verborgene Kostbarkeiten im Museums-Lager: Die GUS-Armee hinterließ Schwerin ein 200 Quadratmeter großes Traditionszimmer

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01. September 2015, 21:00 Uhr

„Meine Jungs müssen unbedingt mit aufs Foto“, sagt Gesine Kröhnert lächelnd, schließt den Stahlschrank auf und entfernt behutsam das Papier von den Leinwänden. Porträts mit viel Grün und viel Rosa kommen zum Vorschein, gemalt von russischen Soldaten der 94. Garde-Mot.-Schützen-Division, höchstwahrscheinlich in den 80er-Jahren. Stationiert waren die Männer in der alten Kaserne in der Stellingstraße. Die Bilder gehören zum so genannten Traditionskabinett, einem selbst gemachten Museum auf 200 Quadratmeter Fläche, das die GUS-Truppen der Stadt Schwerin bei ihrem Abzug 1993 hinterlassen haben – und das seit 1995 im Depot des Stadtgeschichtsmuseums verwahrt wird. Gesine Kröhnert, Chefin des Volkskunde- und des Stadtgeschichtsmuseums, verwaltet es heute. Zuerst wurde das Kabinett in feuchten Kellerräumen in der Bredelstraße verwahrt, heute wird es trocken und professioneller gelagert in der Lortzingstraße.

Als das Museum vor 22 Jahren erstmals einer ausgewählten Öffentlichkeit gezeigt und die Übergabe verkündet wurde, war die Freude offenbar groß. Der damalige Direktor des Historischen Museums, Norbert Crede, betonte die Einmaligkeit des Traditionszimmers und versprach, es authentisch im Haus und im Gelände zu erhalten. Sogar ein Vertrag zwischen Russischen Militärstreitkräften und der Stadt Schwerin existiert, in dem Bildungsdezernent Krumrey versichert, die Ausstellung zu erhalten, zu pflegen und bald der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Zwei Jahre später übernahm das Finanzministerium den Gebäudekomplex in der Stellingstraße – ohne GUS-Museum. Das wurde stattdessen fotografiert, inventarisiert, verpackt – und verschwand im Depot. „Ein korrekter Wiederaufbau ist illusorisch“, sagt Gesine Kröhnert heute. „Ich wünsche mir stattdessen eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kabinett, vielleicht als Masterarbeit. Dabei sollte auch geklärt werden, woher die Soldaten kamen, wir sie hier lebten und unter welchen Bedingungen und Motivationen das Traditionskabinett entstand.“ Denn eins ist klar: Das Museum ist eine besondere Form von Propaganda und Ideologie, Heldenkult und Kriegsverklärung. Spannend sei allerdings, wie das hier mit traditioneller russischer Kunst verwoben wird, besonders in den Holzschnittbildern. Diverse Lenin-Statuen gab es im Divisions-Museum in Schwerin zu sehen, dazu Porträts, riesige Wandtafeln wie „Ohne Ordnung keine Armee“, „Unsere Befreier sind da“, „Erstürmung von Berlin“, Ölbilder zum Häuserkampf in russischen Dörfern oder zu moderner Militärtechnik. Auch Waffenschrott aus dem 2. Weltkrieg wurde gesammelt und aufbewahrt.

Ein zweischneidiges Erbe, das die 94. Garde-Mot.-Schützen-Division nach 48-jähriger Besatzungszeit den Schwerinern hinterlassen hat. Gesine Kröhnert betrachtet die Bilder mit einer guten Portion Humor und betont die Vielfalt der naiven Kunst und Talente, die am Werke waren. Dennoch: „Es gibt einen riesigen Forschungsbedarf, das Traditionszimmer ist ein großes Projekt. Und wir brauchen geeignete Räume, um dauerhaft eine neue Ausstellung zu installieren. Die sollte in plausiblem Rahmen nicht nur einzelne Museumsstücke zeigen, sondern vor allem die Hintergründe erklären.“



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