Pflege in Schwerin : Heimplätze werden teurer

Betreuung für Ältere ist gefragt, Plätze sind knapp. Jetzt müssen Bewohner deutlich mehr zahlen.
Betreuung für Ältere ist gefragt, Plätze sind knapp. Jetzt müssen Bewohner deutlich mehr zahlen.

Pflegestärkungsgesetz, Mindestlohn, Investitionskosten: In den Sozius-Häusern sind die Preise bereits angehoben worden

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10. Januar 2018, 05:00 Uhr

Ihren Namen will die Anruferin nicht nennen, sondern nur ihren Ärger loswerden. Gut 200 Euro müsse sie vom 1. Januar an im Haus „Am Grünen Tal“ mehr zahlen, klagt sie. Happig sei die Erhöhung der Heimkosten in der Sozius-Einrichtung in der Vidiner Straße. So mancher Bewohner könne seinen Aufenthalt nun nicht mehr aus eigener Tasche bezahlen, werde zum Fall fürs Sozialamt.

Sozius-Chef Frank-Holger Blümel kennt die Kritik, spricht von einem Problem, das nicht nur das Haus „Am Grünen Tal“ und auch nicht nur die Sozius-Heime betreffe. „Pflege wird teurer“, sagt der Geschäftsführer und nennt auch gleich die Stichworte, die in der Branche geläufig sind: Pflegestärkungsgesetz II, Änderungen im Landesrahmenvertrag für die Pflege, neues Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, Mindestlohn.

Alle Beschäftigten in den Sozius-Heimen würden nun grundsätzlich nach Tarif bezahlt, außerdem seien die Personalschlüssel angehoben worden, erklärt Blümel. Hinzu kämen die höheren Kosten in fast allen Bereichen des täglichen Lebens, wie Wasser, Strom oder Lebensmittel. Freilich drehe Sozius nicht einfach so an der Preisschraube, betont der Geschäftsführer. Die neuen Entgelte für die Bewohner seien mit den Pflegekassen und dem Träger der Sozialhilfe verhandelt worden. „Dabei müssen wir alle Sach- und Personalkosten darstellen und belegen“, so Blümel.

In fast allen Sozius-Heimen sind die Aufwendungen für Unterkunft und Pflege im vergangenen Jahr neu vereinbart worden, gibt es Preissteigerungen. Im Haus „Am Grünen Tal“ unter anderem seien die Bewohner besonders betroffen, weil sich zum April 2017 auch gerade erst der Beitrag zu den Investitionskosten kräftig erhöht habe, erläutert der Sozius-Chef. Der Grund: Das Heim mit 64 Betten habe zu den Einrichtungen gehört, die vom Land umfangreich gefördert worden seien, die Bewohner hätten so nur 90 Euro im Monat zu den Investitionskosten beigesteuert, so Blümel. „Doch nun wurden wir vom Landesamt für Gesundheit und Soziales aufgefordert, den bisher gedeckelten – und auch nicht mehr ausreichenden – Beitrag neu zu berechnen und durch das Land festlegen zu lassen.“ Im Ergebnis zahle jeder Bewohner seit April bereits auch rund 200 Euro pro Monat mehr für Investitionen, sagt der Geschäftsführer. Trotzdem liege das Haus „Am Grünen Tal“ bei den Aufwendungen für einen Heimplatz mit einem Eigenanteil von etwa 1400 Euro immer noch eher im mittleren Bereich.

Niemand brauche sich außerdem Sorgen zu machen, dass er das Haus in Neu Zippendorf oder eine andere Sozius-Einrichtung verlassen müsse, weil er die Kosten nicht mehr allein tragen könne, unterstreicht Blümel. Schließlich sitze der Träger der Sozialhilfe bei der Festsetzung der Entgelte ja mit am Tisch.

Gleichwohl übt auch der Sozius-Chef deutliche Kritik – an den Politikern: Sie verwiesen immer wieder darauf, dass sich die Pflegesituation durch die jüngsten Gesetzesänderungen verbessert haben. „Vergessen wird dabei aber leider, wer im Rahmen der Struktur der Pflegeversicherung für die höheren Kosten aufzukommen hat – einzig die Bewohner. Eine Entlastung der Betroffenen im stationären Bereich wurde schlicht vergessen bzw. nicht berücksichtigt“, so Blümel.

In die gleiche Kerbe schlägt Awo-Geschäftsführer Axel Mielke. „Wir drehen uns im Kreis, wenn nicht mehr Geld ins System kommt“, sagt er. Mielke kündigt für dieses
Jahr Pflegesatz-Verhandlungen für das Heim der Arbeiterwohlfahrt in Schelfwerder an. Schon jetzt sei gewiss, dass es vor dem Hintergrund der geänderten Gesetzeslage zur Pflege und stetig steigender Kosten für Lebensmittel und Energie zu Erhöhungen kommen werde, so der Awo-Chef. Und weil die Zuschüsse der Pflegekassen festgeschrieben seien, müssten wieder die Bewohner und Sozialämter einspringen.

Bereits im vergangenen Jahr angehoben wurden die Kosten für einen Heimplatz im Wohnpark Zippendorf. Die Gefahr, dass immer mehr Bewohner auf Unterstützung durch das Sozialamt angewiesen sind, sieht Einrichtungsleiter Sven Kastell aber vorerst noch nicht. „Aktuell gibt es in dieser Hinsicht noch keine großen Veränderungen“, sagt er. Ein Heimplatz sei in MV in der Regel nach wie vor günstiger als in den alten Bundesländern. „Dabei haben wir im Osten die gleichen Qualitätsstandards zu erfüllen, dieselben Leistungen zu erbringen wie im Westen“, so Kastell. Für die Zukunft müsse jedem klar sein: „Gute Pflege rund um die Uhr ist nicht zum Nulltarif zu haben.“

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