Hauswände aus Strohballen

Passanten halten an und fragen, was das wird: Die inzwischen stehende Holzkonstruktion lässt ein Wohnhaus erahnen, doch die dort gestapelten Strohballen kann sich niemand erklären. Daraus werden die Wände gebaut, löst der Fachmann das Rätsel auf. In Jamel entsteht das erste Lewitzer Strohballenhaus.

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22. Oktober 2009, 08:07 Uhr

Jamel | Lächelnd, fast liebevoll streicht Uwe Mertens über einen der Strohballen. "Ist das nicht grandios?" Für den Bauingenieur mit Diplom mehr Feststellung als Frage. Einem Daumendruck gibt die Oberfläche kaum nach, so fest ist sie. Dieser Streifen wurde glatt gesägt, der unbearbeitete daneben fühlt sich recht struppig an. 140 Großballen aus Stroh, direkt von Feldern in der Region angeliefert und jeder um die 340 Kilogramm schwer, werden hier verbaut. Sie kommen wie sonst

Mauersteine bei einem Fachwerkhaus in einen Holzständerrahmen. Nur werden die Wände aus Stroh entschieden dicker - 1,10 Meter. Nach außen mit einer Diffusionsfolie eingepackt, kann die Feuchtigkeit austreten. Rund 1000 Liter Wasser befinden sich noch in dem gesamten System, schätzt Mertens. Wenn das dank der Lüftung in ca. fünf Jahren entwichen ist, habe sich die ohnehin hohe Dämmwirkung der Ballen noch einmal spürbar verbessert, so dass sich die Heizkosten weiter reduzieren. Die Fassade wird verputzt und später mit Efeu, Wein oder Spalierobst begrünt, innen Gipskarton angebracht. OSB-Platten zur aussteifenden Wirkung, wie der Fachmann sagt,

unterstützen die Statik.

Das Einfamilienhaus am Ortseingang von Jamel wird ein Prototyp, bei dem die komplette Hülle aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, erklärt der Bauingenieur. "Vor zehn Jahren haben wir begonnen, nach dem cedelux-Konzept zu bauen. Die ersten Häuser sind traditionell mit Mineralwolle, Hartschaum, Hanf oder in die Wand eingeblasener Zellulose gedämmt. Die Heizkosten gehen bei 120 Quadratmetern Wohnfläche teils bis auf 100 Euro im Jahr herunter. Was uns keiner glauben wollte, als wir damit anfingen. Wir haben das Konzept ständig weiterentwickelt, Informationen vom Bundesverband Strohballenhäuser eingeholt, ich habe tausende Seiten darüber gelesen", so Mertens. Seit zwei Jahren besitze die CMH-Planungsgesellschaft in Alt Meteln die bautechnische Zulassung für Häuser aus Strohballen. Die hätten auch sehr hohe Brandschutz werte. "Jeder denkt zwar, Stroh brennt ganz schnell. Aber das hier ist so eng gepresst, dass sich kein Feuer entzünden kann", so der Fachmann.

Bauherr Detlef Behring aus Groß Rogahn hält das Risiko, Geld in den Prototyp eines Hauses zu stecken, für überschaubar. Eher durch Zufall darauf gestoßen, als er sich für eine Wärmepumpenheizung interessierte, hat sich der 56-Jährige genau erkundigt. Er ist jeden Tag mit auf dem Bau. "Ich bringe meine Eigenleistung ein, und das macht richtig Spaß. Wir sind drei Mann und ein Kran", erzählt der Vorruheständler schmunzelnd. Es soll für ihn und seine Frau Marlies ein alters gerechtes Haus für den Lebensabend werden. "Alles zu ebener Erde, daher bauen wir das Obergeschoss nicht aus. Unten ist mehr Platz als genug." Eigentlich war ein Bungalow mit begrüntem Dach vorgesehen, doch das hätte nicht ins Straßenbild gepasst, so dass das Haus nun ein Spitzdach mit Tonpfannen erhält. Bis Weihnachten soll der größte Teil der Arbeiten fertig sein.

Und was die geringen Heizkosten betrifft: Tierarzt Dirk

Geburtig aus Schwerin-Warnitz, der nach dem cedelux-Konzept ein massives Haus mit Gründach bauen ließ, ist "sehr zufrieden". Samt Praxis habe er 250 Quadratmeter zu beheizen und beobachte daher die Kosten ganz genau.

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