Lübstorfer Patient erzählt : Harry: „Ich war ganz unten“

Das Ehemaligentreffen an der Lübstorfer Spezialklinik gehört zum Therapiekonzept. Es fand zum  22. Mal statt.
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Das Ehemaligentreffen an der Lübstorfer Spezialklinik gehört zum Therapiekonzept. Es fand zum 22. Mal statt.

Ein ehemaliger Patient der Lübstorfer Klinik erzählt, wie er seine Alkoholkrankheit überwunden hat

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30. August 2016, 06:25 Uhr

Lübstorf ist für Harry der Ort, an dem er zurück ins Leben gefunden hat. Vor 20 Jahren war der Mann aus einem Dorf zwischen Crivitz und Parchim in der Spezialklinik für psychosomatische Erkrankungen und Suchtmedizin vier Monate lang in Behandlung, um von seiner Alkoholkrankheit loszukommen. Jetzt kehrte Harry hierher zurück. Er war einer von hunderten Gästen beim Ehemaligentreffen. Einstige Patienten und deren Familienangehörige aus ganz Deutschland nutzten das Angebot, um sich mit damaligen Gruppenmitgliedern, Therapeuten und Ärzten über das Leben nach der Therapie auszutauschen. Harry erzählt bereitwillig seine Lebensgeschichte.

Harry liebt das Leben. Schon als junger Mann gehörte das tägliche Feierabendbier zu seinem Leben. Was ist denn schon dabei, wenn man zur Familienfeier oder beim Abhängen mit Freunden etwas Alkohol trinkt? Alle machen das und er will einfach dazugehören. Nur Bier alleine reicht schon längst nicht mehr, er braucht Härteres. Seine Gedanken drehen sich nur noch um den nächsten Schluck. Obwohl seine Abhängigkeit schon längst erkennbar ist, glaubt der junge Familienvater immer noch, dass seine Welt in Ordnung ist. Seine damalige Frau steht ihm scheinbar gut zur Seite, hat immer eine Entschuldigung für ihn parat, wenn er mal nicht zur Arbeit fahren kann. „Ich war gar nicht mehr in der Lage, morgens aufzustehen. Um mich besser zu fühlen, griff ich wieder zur Flasche“, erzählt Harry. Lange hält das Versteckspielen vor der Familie, den Nachbarn oder den Arbeitskollegen allerdings nicht an. Die familiären Spannungen spitzen sich zu. Die Ehefrau lässt sich scheiden und nimmt die Kinder mit. Damit kommt Harry nicht zurecht. Er baut unter Alkoholeinfluss einen Verkehrsunfall und muss seinen Führerschein abgeben. Mit dem Verlust seiner Arbeitsstelle bricht sein Kartenhaus endgültig zusammen. Bruder Alkohol tröstet ihn. Es folgt ein körperlicher und seelischer Zusammenbruch – mit Suizidgedanken.

Harry sucht Hilfe in einer Suchtberatungsstelle. Das Angebot, sich vier Monate lang stationär in der Lübstorfer Klinik behandeln zu lassen, ist sein Rettungsanker. „Am Anfang sah ich die Therapie als Bestrafung für mein jahrelanges Saufen, fühlte mich im Beisein der Gruppe bloßgestellt. Erst nach einiger Zeit merkte ich, wie befreiend es ist, sich zu öffnen“, sagt Harry heute. Nach der Therapie findet er Halt bei den „Anonymen Alkoholikern“. Er sucht sich ein neues soziales Umfeld. Als Elektriker findet er keine Arbeit mehr und selbst zum Einräumen von Regalen in einem Supermarkt will man den einstigen Alkoholiker nicht haben. „Diese Stigmatisierung tat richtig weh“, erzählt Harry. Trotz allem beißt er sich durch und beginnt eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. Das Leben hat ihn wieder, er heiratet eine neue Frau. Und der regelmäßige Kontakt zu seinen inzwischen erwachsenen Kindern sowie seinen Enkelkindern zeigt ihm, dass er den richtigen Weg gewählt hat.

Seit 1996 besucht er regelmäßig das Treffen in Lübstorf und erzählt stolz, dass er seit seiner Entlassung trotz aller Höhen und Tiefen, die das Leben mit sich bringt, trocken ist.

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