Kritik und Lob für Idee der Sozialministerin : Gratis-Pille für 850 Schweriner Frauen

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Anti-Baby-Pille kostenlos für sozial Schwache - die Idee von Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD), Frauen, die von Hartz IV leben, die Verhütung zu erleichtern, findet in Schwerin ein sehr durchwachsenes Echo.

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11. November 2010, 10:11 Uhr

Schwerin | "Es gibt viele Frauen, die die Pille nicht vertragen", sagt Inett Rütze, Schwangerschaftsberaterin der Evangelischen Jugend in Schwerin. Zu ihr kommen auch Betroffene, die nicht verhütet haben, weil sie kein Geld dafür haben oder ausgeben wollen: Praxisgebühr, dann noch Verhütung - das sei "zu viel". Rütze bemängelt in der Idee des Ministeriums ein Ungleichgewicht; auch andere Verhütungsmittel sollten überdacht werden. Denn so beliebt wie früher sei die Pille nicht. Als "schizophren" bezeichnet sie, dass es bislang für Sozialschwache keinen Zuschuss zur Verhütung gebe, wohl aber die Kosten für Abtreibung gezahlt würden.

Nach Angaben des Statistischen Amtes gab es im Vorjahr landesweit 3134 Abtreibungen, 0,7 Prozent mehr als 2008. Mehr als zwei Drittel der Frauen hatten zuvor schon mindestens ein Kind geboren. Große Skepsis, dass die Gratis-Pille die Zahl der Abtreibungen verringert, hat eine Schweriner Frauenärztin: "Ich glaube nicht, dass das etwas bringt." Sie höre bei ungewollter Schwangerschaft viel öfter die Antworten: Pille vergessen, Alkohol, Drogen. Ungewollt schwanger würden zudem oft jüngere Frauen bis 20: "Für die ist die Pille sowieso umsonst."

Das Sozialministerium gibt derzeit kaum Informationen zum Thema preis. "Das ist alles noch nicht spruchreif", sagte gestern Sprecher Rüdiger Ewald. Antworten liefert der Demminer Frauenarzt Fritjof Matuszewski, von dem die Idee zur Gratis-Verhütung kam und der federführend in einer Kommission wirkte. Es gehe nicht nur um die Pille, "sondern um alle hormonellen Verhütungsmittel", darunter Drei-Monats-Spritzen, Ringe und Spiralen. Nicht dabei seien Kondome, weil politisch "nicht festzulegen" sei, wie oft jemand verhüten kann. Wichtigstes Kriterium: "Es sollen sichere Verhütungsmittel sein." Bereits 2006 trat der Frauenarzt mit der Idee der Gratis-Pillean; gerade in Demmin sei die Zahl der Abtreibungen hoch. Am meisten litten darunter die Frauen selbst, so Matuszewski.

Als Zielgruppe für die kostenfreie Verhütung nennt das Ministerium Frauen aus dem Hartz-IV-Milieu zwischen 20 und 35 Jahren. In Schwerin beträfe es derzeit etwa 850, so viele sind nach Zahlen der Arbeitsagentur registriert. Laut Ministerium seien für das Modellprojekt (vermutlich 2012) 440 000 Euro eingeplant. Dabei werde von 130 Euro Kosten für Verhütungsmittel je Fall ausgegangen. Auch die Kosten für Abtreibungen finanziell schwächer gestellter Frauen zahle das Ministerium - 2009 in 2809 Fällen. Anders gesagt: Greift das Modellprojekt, spart das Land. Rüdiger Ewald erklärt: Wie mit Abtreibungen umzugehen ist, sei per Bundesgesetz geregelt - teilweise greife auch noch die Reichsversicherungsordnung von 1914.

In der Schweriner Frauenklinik stößt die Idee der kostenfreien Verhütung auf positive Resonanz: "Ich begrüße, dass man auf diese Weise jungen Frauen, die kein Geld haben, unter die Arme greifen will", sagte gestern Oberarzt Dr. Rüdiger Niemeyer.

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