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Leitfaden zum Bauen : Gradmesser für gute Stadtentwicklung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stadtvertreter können heute nach langer Diskussion die „Charta für Baukultur“ auf den Weg bringen, die auch direkte Bürgerbeteiligung vorsieht

svz.de von
erstellt am 27.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Nachdem die Einführung einer „Charta für Baukultur“ 2007 einmal gescheitert war, kann die Stadtvertretung heute das Vorhaben zu einem guten Ende führen. Vorangegangen ist eine lange Diskussion auf Initiative des Amtes für Stadtentwicklung, an der sich zahlreiche auch überregional aktive Planer, Soziologen, Projektentwickler und Architekten beteiligt haben. Das Projekt ist Bestandteil des Forschungsprogramms „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ des Bundesbauministeriums.

Ziel der Satzung ist es, das öffentliche Bewusstsein für Baukultur in Schwerin zu schärfen und unter anderem die Welterbe-Bewerbung der Landeshauptstadt voranzubringen. Alltägliche Planungs- und Bauaufgaben sollen sich an den Qualitätsmaßstäben der „Charta für Baukultur Schwerin“ messen. Auch Neues und Ungewohntes könne Merkmal einer guten Baukultur sein.

Die Idee dahinter: „Baukulturelle Qualität kann zu einem wichtigen Standortmerkmal werden, die Anziehungskraft Schwerins als Wohn- und Arbeitsplatz erhöhen und sich positiv auf unser Bewerbungsverfahren für das Unesco-Welterbe auswirken“, beschreibt Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorff die Zielstellung. Die Charta soll einen dauerhaften Dialog- und Aushandlungsprozess in Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft anstoßen, um das öffentliche Bewusstsein für gute Architektur und Baukultur in der Landeshauptstadt zu schärfen. In der „Charta für Baukultur Schwerin“ werden Leitsätze, Instrumente und ein Handlungsprogramm vorgeschlagen. Sie wird die Maßstäbe dafür setzen, wie mit öffentlichen und privaten Bauvorhaben umgegangen werden soll.

Außerdem hat im Vorfeld der hochkarätig besetzte Expertenbeirat mit Unterstützung der Architektenkammer, der LGE, Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften, der Sparkasse und der Stadt Vorschläge erarbeitet, wie das Thema Baukultur besser gefördert werden kann. Ein wichtiges Instrument ist dafür ein Gestaltungsbeirat, wie ihn beispielsweise Rostock bereits hat.

Ein gutes Beispiel für die Arbeit eines Gestaltungsbeirates, der einen wachen Blick auf die Pläne der Investoren behält, ist nach Ansicht der Stadt das Projekt Waisengärten. Das Gremium soll verhindern, dass so mancher „Wildwuchs“ – wie in anderen Neubaugebieten – am wohl attraktivsten Wohnstandort am Schweriner See vermieden wird. Bürgervorbehalte, Naturschutzauflagen, Forderungen des BUND – es war sehr viel zu bearbeiten. Doch nun geht es voran. An den „Schwanenwiek“-Häusern wird gebaut – „in hoher Qualität“, wie mehrere Fachleute und die Stadtverwaltung betonen.

„Es geht bei dem Gestaltungsbeirat nicht nur um Ästhetik. Der Beirat soll Fachöffentlichkeit und Öffentlichkeit zusammenbringen, Investoren, Architekten, Ingenieure und Finanzierer müssen gemeinsam mit Stadtplanern mit einzelnen Projekten und Vorhaben die Stadtentwicklung voranbringen und die Bürger dabei einbeziehen“, sagt Gerd Zimmermann, Professor an der Bauhaus-Uni Weimar, der die Schweriner Charta mit erarbeitet hat. Der Beirat agiere beratend und sei keine Konkurrenz zum Bauausschuss, betont der Professor.

Dabei sollten auch die Bürger selbst mitgestalten, betont Stefan Rettich, Leipziger Architekt und Professor in Bremen. Daher sei auch ein Handbuch für Bürgerbeteiligung Bestandteil der künftigen Instrumente der Charta für Baukultur. Das könnte beispielsweise als eBook per Internet für alle zugänglich – und ergänzbar – sein.

Ein weiteres Ziel sind noch mehr öffentlichkeitswirksame Wettbewerbe bei Neubauvorhaben und in sensiblen Bereichen – beispielsweise beim Bauen am Wasser. „Uferzonen müssen öffentlich sein“, sagt Prof. Rettich. In Schwerin sei früher schließlich auch niemand auf die Idee gekommen, den Pfaffenteich-Rundgang durch private Bebauung zu unterbrechen. Warum also heute an anderen Seen?

Auch eine Kinder- und Jugendakademie ist Ziel der Charta. „Schulen und Kindergärten sollten bereits den Kleinen zeigen, wie gut mit Baukultur gelebt und gearbeitet werden kann. Und wenn die Experten, die Politik und die Bürgerinnen und Bürger darüber sprechen, fördern sie die Sensibilität für diese Themen“, sagt Elke Pahl-Weber, Professorin für Stadtplanung.

Zudem wollen die Experten ein regelmäßiges Gesprächsforum Stadt- und Baukultur etablieren, um kontinuierlich die Schweriner an der Stadtentwicklung zu beteiligen.

Entsprechend einfach sind auch die Leitsätze der Charta überschrieben: weitsichtig planen, gut bauen, miteinander reden. Ein entsprechendes Handlungsprogramm für 2015 ist in der Charta bereits enthalten. Geschaffen werden sollen dafür drei Piloträume: die Innenstadt, die Stadt am Wasser, die das Gebiet der Werdervorstadt umfasst, und das Mueßer Holz.

Beschließen muss die Politik heute auf ihrer Sitzung von 17 Uhr an im Rathaus die Charta nicht. Die Stadtvertretung nimmt sie als Handlungsorientierung der Stadtentwicklung zustimmend zur Kenntnis. Die Stadtvertreter beauftragen aber mit ihrer Kenntnisnahme auch die Oberbürgermeisterin, eine Geschäftsordnung vorzulegen, auf deren Grundlage der Gestaltungsbeirat gebildet und tätig wird.

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