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Zeitung für die Landeshauptstadt

17. Oktober 2017 | 11:22 Uhr

Prostitution : Gewerbe mit Schattenseiten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Debatte um Prostitution entflammt in Schwerin erneut. Das betrifft auch den Menschenhandel, der laut Landeskriminalamt in MV im Rotlicht-Milieu seinen Schwerpunkt hat.

svz.de von
erstellt am 03.Apr.2014 | 08:00 Uhr

Ein Bauantrag um die Erweiterung des Sex-Kinos in Wüstmark hat die Diskussion um Prostitution in Schwerin erneut entfacht – doch noch ist sie ein zögerliches Flämmchen. Viele tun Sex gegen Bezahlung weiterhin als Kavaliersdelikt ab, der allzu menschliche Bedürfnisse und manchmal den Hang zu Ungewöhnlichem befriedigt. Prostituierte würden doch gutes Geld verdienen, heißt es. Viele hätten sogar Spaß an der Arbeit. Ist das Schweriner Rotlichtmilieu wirklich so harmlos? SVZ fragt nach.

Anwohner an der Alten Post in Wüstmark haben schon seit Längerem das Gefühl, dass das so genannte Sexkino viel mehr ist, als der Name besagt. Große Autos, nächtliche Streits auf offener Straße und viele ausländische „Damen“ treiben sie zu der Frage, ob hier nicht vielleicht die organisierte Kriminalität ihre Finger im Spiele hat. Tatsächlich werden im Sexkino auch Filme produziert, heißt es aus dem Bauamt. Es gab außerdem den Antrag für ein SM-Studio sowie für einen Anbau mit Zimmern, die stundenweise vermietet werden.

Über einzelne Bordell-Standorte möchte sich das Landeskriminalamt in Rostock konkret nicht äußern, aber: „Menschenhandel ist weiterhin ein Bestandteil der Prostitution, überall in Deutschland, auch in Schwerin. Wir haben in MV mehrfach Verfahren wegen Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“, sagt LKA-Sprecher Michael Schuldt. „Dahinter verbergen sich komplexe Täterstrukturen, zu denen auch Geldwäsche und Schleusen gehört.“ Nach SVZ-Informationen gab es allein 2012 in Schwerin mehr als ein Dutzend Ermittlungsverfahren wegen einschlägiger Delikte, dabei stießen die Beamten zum Teil auf massive Menschenrechtsverletzungen. Merkmale der organisierten Kriminalität seien erkennbar. Die Opfer stammten zumeist aus Osteuropa, vor allem Bulgarien und Rumänien. Oft profitieren die Anwerber von der Armut der Mädchen in ihren Heimatländern und dem niedrigen Bildungsgrad. Zum Zeitpunkt der Rekrutierung sind sie zumeist 17 bis 22 Jahre alt und haben oft selbst schon ein Kind, das dann bei den Eltern in der Heimat bleibt – und von den Zuhältern oftmals als Druckmittel benutzt wird. „Ein regelmäßiges Problem für uns ist die Aussagebereitschaft der Opfer“, sagt Michael Schuldt. „Viele haben in ihren Heimatländern wohl schon schlechter Erfahrungen mit den Behörden gemacht.“

Das horizontale Gewerbe wird in Schwerin übrigens nicht so sehr im Bordell – davon gibt es hier zwei – sondern in ganz normalen Wohnungen, meist angemietet in Mehrfamilienhäusern, angeboten. „Interessenten“ bekommen die Kontaktdaten oft über einschlägige Internetportale wie rotlicht-mv. Dort werden in Schwerin nicht nur Frauen aus Thailand, Ost- und Südwesteuropa angepriesen, sondern auch Flatrate-Sex – einmal zahlen, jederzeit kommen, inklusive Gleitgel, Snacks und Saft.

Zu „Europas Drehscheibe für Frauenhandel“ sei Deutschland seit der Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes 2002 geworden, kritisierte der „Appell gegen Prostitution, den Frauenrechtlerin und Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer im Oktober 2013 startete. Prostitution bezeichnet sie darin als moderne Sklaverei und fordert u.a. eine Ächtung der Freier und bessere Aufklärungsarbeit in den Herkunftsländern der Prostituierten. Schwerins Gleichstellungsbeauftragte Petra Willert hat diesen Appell unterschrieben. „Kontakte zu Frauen aus dem Schweriner Rotlichtmilieu habe ich zwar nicht, lediglich eine Aussteigerin ist mir bekannt. Sie ist mit ihrem weiteren Leben nicht gut zurecht gekommen“, sagt Petra Willert. Sie wünscht sich geeignete Ausstiegsprogramme für Prostituierte, regelmäßigen Zugang zu gesundheitlichen und psychosozialen Beratungsangeboten für Prostituierte, die Bestrafung der Personen und Freier, die die Lage von Zwangsprostituierten ausnutzen und bessere Kontrollrechte.

Bei dieser Forderung trifft sich sich auch mit Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorff, der die Lage der Prostituierten in Schwerin allerdings nicht so dramatisch einschätzt. Von etwa 20 Model-Wohnungen in der Stadt weiß er. Der aktuelle Bauantrag aus Wüstmark werde wohl genehmigt, meint er, schließlich geht es hier allein um Baurecht – und nicht um Moral. Eine erneute Sperrgebiets-Diskussion in Schwerin hält der Dezernent für übertrieben, zumal schwer abzustecken sei, welcher Bereich denn nun Sperrgebiet werden sollte. Klarere staatliche Kontrollregelungen für Bordelle und Model-Wohnungen, die dem organisierten Verbrechen das Geschäft möglichst schwer machen, wären in seinem Sinne. Friedersdorff: „Aber eine Rückfall in die prüden 50er-Jahre möchte ich auch nicht.“

 

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