Weltkulturerbe Schwerin : Gewagte Experimente mit Beton

Das frisch sanierte Landeshauptarchiv ist der letzte noch zu Zeiten der Monarchie errichtete Staatsbau in Schlossnähe.
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Das frisch sanierte Landeshauptarchiv ist der letzte noch zu Zeiten der Monarchie errichtete Staatsbau in Schlossnähe.

SVZ stellt in einer Serie die einzelnen Teile des Residenzensembles vor. Teil 17: Landeshauptarchiv

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27. Juni 2016, 16:00 Uhr

23 Regalkilometer Akten, 15 000 Urkunden, mehr als 100 000 Karten und Pläne, dazu mehr als 230 Nachlässe, Flugblätter, Wappen, Orden, Dokumentarfilme und vieles mehr aus 800 Jahren mecklenburgischer Geschichte beherbergt das Landeshauptarchiv. Das frisch sanierte Haus an der Schackallee mit dem leuchtenden Balkongitter ist das jüngste der Gebäude, die zum Schweriner Residenzensemble gehören. Es vereint Elemente von Jugendstil, Art Deco und Klassizismus.

Der Urkunden- und Aktenbestand ist von den beiden großen Kriegen weitgehend unberührt geblieben. Er beinhaltet wichtige Quellen über die Hofkultur, aber auch Bauakten rund ums Schloss. „Für die Authentizität und die weitere Erforschung des Residenzensembles ist dies von wesentlicher Bedeutung“, schreibt Kunsthistoriker Dr. Christian Ottersbach in seinem Welterbe-Gutachten. Ursprünglich wurden wichtige Urkunden und Dokumente übrigens im Schloss selbst aufbewahrt.

Im 19. Jahrhundert ging man dazu über, Archive zu bauen. Sie wurden als Forschungseinrichtungen jetzt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Das Schweriner Archiv zog 1835 ins neu erbaute Kollegiengebäude I, wo heute die Staatskanzlei zu finden ist. Das „Geheime und Hauptarchiv“ des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin entstand nach Entwürfen von Baudirektor Paul Ehmig 1909 bis 1911 und teilt sich in einen repräsentativen, langgestreckten Verwaltungstrakt und einen kubischen, siebengeschossigen Magazinbau mit vier Turmaufsätzen. „Für den Bau waren Gründungsarbeiten nötig, zu denen statt hölzerner Pfähle bis zu 22 Meter lange Simplex-Betonpfähle in das morastige Erdreich gerammt wurden“, schreibt Dr. Ottersbach. „Die Magazinkonstruktion besteht aus einem unbekleideten Stahlgerüst, in das die Regale eingehängt sind und das die gesamte Last trägt.“ Der Bau wurde weit über die Landesgrenzen beachtet.

Paul Ehmig experimentierte mit dem modernsten Baustoff seiner Zeit: Beton. Das berichtet der Schweriner Architekt Joachim Brenncke, dessen Büro das Haus bis 2010 sanierte. Leider überschätzte Ehmig die Widerstandskraft des Werkstoffes gegen Lasten, Zeit und Wasser. Risse in den Außenwänden, schadhafte Tragpfähle und aus heutiger Sicht hauchdünne Decken mussten aufwändig repariert werden, so Brenncke. Alle Regale, die im Verwaltungsgebäude stehen, sind heute mehrfach mit Stahlkonstruktionen in den Wänden verankert. Die Decken wurden „statisch ertüchtigt“. Neueste Brandschutz- und Alarmanlagen, Sicherheitsfenster, modernster technischer Standard herrschen jetzt im Landeshauptarchiv. Und weiterhin viel Geschichte. „Im Magazinbau sind noch sämtliche eiserne Aktenregale sowie der alte Aktenaufzug aus der Bauzeit erhalten“, betont Dr. Ottersbach.

Wieder freigelegt und restauriert wurde übrigens auch die ornamentale Farbfassung in Vestibül und Treppenhaus. Leuchtend blau mit weißen Sternen empfängt es die Besucher in reinem Jugendstil. Das Landeshauptarchiv ist montags bis donnerstags ab 8.30 Uhr geöffnet. Eine Benutzung ist nur mit vorheriger Anmeldung möglich unter Telefon 0385/588 79421 oder per E-Mail: lesesaal@landeshauptarchiv-schwerin.de.


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