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Zeitung für die Landeshauptstadt

15. Dezember 2017 | 00:00 Uhr

Herren-Luxus : Genießer mit Hang zur Stille

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Schweriner Barber Shop werden Männer verwöhnt – Frauen dürfen hier nur schneiden und rasieren

von
erstellt am 07.Feb.2015 | 08:00 Uhr

In der Wismarschen Straße 119 bleiben Männer gern unter sich: besonders im „Hinterzimmer“. Große schwarze und weiße Kacheln verleihen ihm den Charme der fünfziger Jahre. Auch die Ladeneinrichtung erinnert an Zeiten, in denen Jonny Cash noch von der LP erklang: dunkles Leder, dunkle hohe Holzregale, Frisierstühle mit glänzendem Chrom. Frauen sind hier lediglich an der Schere oder dem Rasiermesser erlaubt. Oder eben als Amüsement im Hochglanzformat des Playboys. Der Barber Shop in der Schweriner Innenstadt ist eher ein Ort der Ruhe. Klatsch und Tratsch? Fehlanzeige. Das Surren der Schermaschine wird nur selten unterbrochen. Leise sind kurze Antworten der Herren zu hören: „Ja. Danke. Gut.“ Kein wildes Blättern in bunten Heftchen, kein lautes Gelächter, keine Geschichten aus den europäischen Adelshäusern. Swing der 50er- und 60er-Jahre strömt aus den Lautsprechern und auf dem großen Plasmabildschirm an der Wand erklären holländische und amerikanische Barber-Shop-Besitzer ihr Geschäftsmodell. Ein bisschen flippiger und vor allem bunter als der durchschnittliche Schweriner sehen sie aus. Aber durchaus inspirierend. Und einiges entdeckt man auch abseits der großen Mattscheibe wieder: Herren-Klischees wie Bier und Whisky werden bedient. „Wir bieten es unseren Kunden immer mit an, hier soll Mann sich wohlfühlen. Es gibt aber auch Kaffee oder andere alkoholfreie Getränke“, erklärt Vize-Salon-Leiter Tobias Behn. Der junge Mann mit Undercut-Haarschnitt trägt einen großen Flügel auf seinem rechten Unterarm. Nicht sein einziges Tattoo. „Ganz oft komme ich mit den Kunden darüber ins Gespräch. Sie fragen, was meine Tattoos bedeuten. Das ist ganz cool“, sagt der Friseurmeister und dreht noch dreimal die Schere über seinen kleinen Finger, bevor er weiter schneidet. Aber nicht nur bei der Ausstattung ist das Flair der 50er-, 60er-Jahre zu spüren. Auch auf das traditionelle Handwerk wird großen Wert gelegt: „Hier wird noch mit einem richtigen Messer rasiert und auch nach alter Tradition“, sagt Sebastian Schmidt. Selbst hat er „die alte Tradition“ zwar nicht mitgemacht, genießt es aber dennoch, von Stine Ott verwöhnt zu werden: Mit einem heißen Tuch und einem speziellen Öl wird sein Bart für die Rasur vorbereitet. Dann geht alles ganz fix: Das Rasiergel wird aufgeschlagen, das Gesicht eingeschäumt und schon gleitet das scharfe Messer über seine Wange. Angst? Nein, die habe er nicht, erklärt er nachdem Stine Ott das erste Mal das Messer dreht. „Man geht nicht hinter dem Kunden lang und man bleibt immer auf der rechten Seite stehen. Auch das gehört zu einer guten Ausbildung“, sagt sie nebenbei und zieht die Kurve neben Schmidts Mundwinkeln noch einmal nach.

Hinter ihr genießt Friedrich Karsten den letzten Schluck Bier aus seinem Glas. „Ich bin schon Stammkunde seit Jahrzehnten. Früher immer im Salon des Herren, ab jetzt hier im Barber Shop. Hier komme ich rein, bin gleich dran. Ich muss nicht lange warten oder mich ewig im Vorfeld anmelden. Das ist der Vorteil von solchen Herrensalons. Und der Charme dieses Shops ist… Was soll ich sagen? Klasse“, sagt der Schweriner. Einmal im Monat gönnt er sich, wie er selbst sagt, diese Form von ganz besonderem Luxus.

Wer den Barber Shop des Hair-Cosmetic-Team in der Wismarschen Straße besucht, will nicht einfach die Haare kürzer haben, er will eintauchen in das Lebensgefühl, den Stil der 50er-, 60er-Jahre.

Erkenntnis nach zwei Stunden im Herrensalon: Männer mögen es gern bequem, sind durchaus eitel, aber eben auch sehr wortkarg. Genießer mit dem Hang zur Stille. Das einzige, was in diesem Barber Shop vielleicht noch fehlt: Friseure in weißen Kitteln und Krawatte sowie der süß-herbe Duft von Zigarren.

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