Schwerin : Gemeinsam das Blatt gewendet

Detlef Schwertfeger mit Fotos von der Montagsdemo am 23. Oktober 1989
Detlef Schwertfeger mit Fotos von der Montagsdemo am 23. Oktober 1989

Eine einmalige Zeit: Detlef Schwertfeger aus Raben Steinfeld berichtet von seinen Eindrücken zur Schweriner Montagsdemo

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23. November 2017, 14:00 Uhr

Eines war ihm an diesem historischen Tag bewusst: Er ist nicht allein. Er wird wie andere gegen ein System auf die Straße gehen, in dem er persönlich nie wirklich zurecht gekommen ist. „Ich wusste, ich gehe mit vielen zum Alten Garten“, erinnert sich Detlef Schwertfeger an die große Schweriner Montagsdemo vor 28 Jahren – organisiert vom Neuen Forum. Der Raben Steinfelder war an diesem Tag des gefühlten Aufbruchs dabei und ist für eine Erneuerung der DDR mit Kerze durch die heutige Landeshauptstadt gezogen. Nach Aufruf in der SVZ hat er sich gemeldet, um von seinen Eindrücken zu berichten.

Der heute 75-Jährige erinnert sich genau. Er hat viel erlebt – Gutes und weniger Gutes. Schmerzlich war es, als er nach dem Ende der DDR erfuhr, was wirklich mit seinem in Russland verschollenen Vater passiert war, und dass die Anfragen seiner Mutter, die stets Auskünfte einforderte, im Nirgendwo verschwunden waren. Heute sitzt er entspannt an seinem Küchentisch in seinem Haus in Raben Steinfeld, trinkt Kaffee und empfängt Besucher mit ausgesprochener Gastfreundlichkeit. Fragen zur Zeit von damals, zu den berühmt berüchtigten Montagsdemos und auch zu seiner Einstellung zur DDR beantwortet er ohne Umschweife. So, als wenn er sich intensiv, ohne Groll, aber doch mit einigen Momenten des Schmerzes damit auseinander gesetzt hat. Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und andere Einschränkungen waren Gegebenheiten, die ihn am politischen System in der DDR zweifeln ließen. Auch bekam er als Kind durch seine Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche stets eine Sonderrolle. Doch er kam zurecht, obwohl er weder in Schulzeiten noch als Familienvater oder bei seinem damaligen Arbeitgeber Vereinigte Bauelementewerke kein Blatt vor den Mund genommen hatte. In der Partei war er nie. Deshalb war für ihn klar, bei der Gegendemo auf dem Alten Garten macht er nicht mit. Dazu hatte die Staatsmacht auch in seinem Betrieb aufgerufen. Schwertfeger war lieber einer von 40 000 Menschen, die beim Neuen Forum friedlich protestierten.

„Ich kann mich gut daran erinnern, dass mein Sohn mit einem Stock zu mir gekommen ist, an dem er dann seine Kerze befestigt hat. Er wollte, dass sie in der Masse zu sehen ist, weil er nicht groß genug war, um die anderen zu überragen“, erzählt Schwertfeger, der damals mit seinen 10 und 13 Jahre alten Kindern dabei war. Eine Stimmung und Bewegung wie damals hält er noch heute für einmalig. „Es war ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl“, sagt der 75-Jährige, während er an seinem Kaffee nippt. Auf dem Tisch vor ihm liegen nicht nur Bilder von damals, sondern auch ein Stück der Mauer aus Berlin. Als sie gefallen ist, war er in der heutigen Bundeshauptstadt. Ein ebenso historischer Moment, von dem er ebenfalls gerne nachfolgenden Generationen erzählt.

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