Integration in Schwerin : Gehören Flüchtlinge zu uns?

Gemeinsames Nachdenken: Eva Weißmann und ihr Enkel Salli ließen sich von Ben aus Damaskus die Tafeln erklären und machten sehr konzentriert mit. Wie viele andere Schweriner auch.
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Gemeinsames Nachdenken: Eva Weißmann und ihr Enkel Salli ließen sich von Ben aus Damaskus die Tafeln erklären und machten sehr konzentriert mit. Wie viele andere Schweriner auch.

Sozialarbeiter, Schweriner Jugendliche und ein junger Syrer luden in der Fußgängerzone Passanten zu einem ungewöhnlichen Spiel

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05. August 2016, 12:00 Uhr

Gehört Volkswagen zu Deutschland? Auf jeden Fall. Und Opel? Die Damen und Herren vor den beiden Stellwänden mit den Titeln „Rein“ oder „Raus“ grübeln: Das ist ein amerikanisches Unternehmen, aber viele Deutsche fahren Opel – also gehört es irgendwie zu uns. Genauso wie Bibel, Pizza, Döner, CDU, SPD, FDP, Angela Merkel, Zigaretten, Alkohol, die GSG 9, Kampfpanzer, Jerome Boateng und Helene Fischer. Halt: Sie wurde in Sibirien geboren und kam erst 1988 nach Deutschland. Egal, die Schlagerikone gehört hierher. Aber Adolf Hitler, die NPD, das Hakenkreuz – die möchten die meisten aus Deutschland verbannen, kleben diese Fotos auf die Seite „Raus“. Und dann gibt es Bilder, über die viele länger nachdenken, manche sogar streiten: Koran, Kopftuch, Moschee, Shisha, Flüchtlinge. Gehören auch sie zu Deutschland?

Tobias Neumann und Marcus Wergin von der Sozialdiakonischen Arbeit – Evangelische Jugend luden gestern in der Helenenstraße Schweriner zu diesem Spiel ein: Sie bekamen Fotos und sollten spontan sagen, ob die abgebildeten Dinge ein Teil unseres Landes sind. Mit Kamera und Mikro wurde die Aktion festgehalten. Daraus soll ein kleiner Film für den Youtube-Kanal SODAejTV werden. „Ich freue mich schon auf das Material“, sagt Sozialarbeiter Tobias Neumann. „Vielleicht bin ich Ende nächster Woche mit dem Film fertig.“

Tobias Neumann war begeistert, wie viele Schweriner sich ins Zelt zum Foto-Spiel trauten. Und wie viele etwas abseits stehen blieben, untereinander diskutierten. Manches konnte Neumann allerdings nicht unkommentiert stehen lassen: Dass die Flüchtlinge nur nach Deutschland kommen, um nicht zu arbeiten, Hartz IV abzukassieren und Geld aus den deutschen Sozialkassen zu holen, in die sie selbst nie eingezahlt haben. Harter Tobak, findet Neumann. Obwohl er immer versucht, jede Meinung auszuhalten, geriet er doch ins Diskutieren. Marcus Wergin musste ihm das „Time out“ geben: Zurück an die Kamera, den Mann überzeugst du nicht mehr.

Dabei hätte der Mann eine Chance gehabt, einem leibhaftigen Flüchtling zu begegnen, der sich eben nicht in der sozialen Hängematte ausruhen möchte: Ben ist 19 Jahre alt, stammt aus Damaskus und kam vor acht Monaten nach Schwerin. Er möchte hier schnell eine Lehre in einem Elektro-Beruf beginnen. Bens jüngerer Bruder war drei Monate zuvor in Schwerin gelandet. Sein älterer Bruder wurde vom IS umgebracht. Damit alle fliehen können, dafür fehle der Familie das Geld, sagt Ben, der selbst Schlepper teuer bezahlen musste und mit einem kleinen Boot von der Türkei nach Griechenland fuhr. In Syrien hat er studiert, aber das Land sei in sich so verfeindet und gefährlich, dass er für sich dort keine Zukunft sieht. Jetzt lernt Ben intensiv Deutsch, übt gerne im Paulskeller und mit deutschen Jugendlichen. Eine Unterhaltung klappt perfekt. Nur manchmal muss er nachhaken. Zum Beispiel bei der Frage, ob er etwas vermisst. „Vermisst? Ach so“, plötzlich wird sein charmantes Jungenlächeln ein bisschen weniger leuchtend. „Ja, manchmal meine Mutter.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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