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Zeitung für die Landeshauptstadt

18. Dezember 2017 | 15:45 Uhr

Betteln in Schwerin : Gefühls-Chaos ohne Hab und Gut

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Beim Selbsttest als Bettler fallen die Reaktionen gemischt aus: Manche Fußgänger schimpfen aus Abneigung, andere wollen helfen

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2017 | 06:00 Uhr

Pure Erleichterung macht sich in mir breit, als ich endlich aufstehen kann. Ich ziehe meine Sandalen wieder an, setze meine Mütze auf und zerreiße mein Schild. Die Pappfetzen entsorge ich im nächsten Mülleimer. Die Erniedrigungen und Beschimpfungen, die ich in der vergangenen Stunde erlebt und gesammelt habe, würde ich am liebsten auch wegwerfen. Doch die bleiben.

Rückblick: Ich mache mich auf den Weg in die Mecklenburgstraße. Eine Stunde möchte ich als Bettler verbringen – möchte, nicht muss. Ich weiß nicht, wie es ist, nichts zu haben. Ich bin behütet aufgewachsen, habe einen Job und verdiene mein eigenes Geld. Bedürftige können das nicht von sich behaupten: Sie kämpfen sich von Tag zu Tag durchs Leben. Ohne viel Besitz hoffen sie, dass es irgendwann besser wird. Dass sie aus eigener Kraft ihren Alltag bestreiten können – ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Wie es ist, sich mittellos zu fühlen, werde ich heute nicht herausfinden. Dafür reichen weder Zeit noch Wille. Obwohl ich nur eine Stunde als Bedürftiger verbringe, ist mir mulmig: Hast du dir vielleicht doch zu viel zu gemutet? Wie werden wohl die Leute reagieren? Bekomme ich überhaupt einen Euro zusammen? Viele Ängste, viele Fragen.

Schräg gegenüber der Eisdiele ist eine Straßenlaterne wie für mich gemacht: Ich ziehe meine Schuhe aus, lege meine Mütze als Spendenbox vor mich hin und nehme mein Schild in die Hand. „Gestrandet ohne Geld“ steht darauf, der stumme Hilferuf eines scheinbar Mittellosen. Ich nehme Platz und werde sofort in Augenschein genommen. Fußgänger, die vorbeilaufen, schauen mir kurz in die Augen, drehen sich dann schnell weg. Abneigung spiegelt sich in Kopfschütteln oder Getuschel wider. „Der hat bestimmt sein ganzes Geld versoffen“, höre ich. Antworten kann ich nicht: Meine Zunge ist vor Scham wie gelähmt. Stumm sitze ich da und hoffe, dass es auch andere Reaktionen gibt. Doch die bleiben aus.

Kurze Zeit später kommt der Besitzer der Imbissbude, vor der „meine“ Straßenlaterne steht, zu mir. „Mein Freund, du kannst hier nicht betteln. Du verscheuchst meine Kunden“, sagt er freundlich aber bestimmt. Ich nicke, packe mein wenig Hab und Gut und laufe weiter Richtung Pfaffenteich. Gegenüber der VR-Bank starte ich an einem Baum meinen zweiten Anlauf. Die Reaktionen bleiben die gleichen: Viele Beinpaare ziehen ohne Beachtung an mir vorbei, einige Kinder machen sich über mich lustig. „Schau mal der da“, sagt ein Junge zu seinem Kumpel. „So will ich mal nicht enden.“ Das trifft mich. Ich fühle mich hilflos, beschämt und erniedrigt. Ich bin kurz davor, meinen Selbstversuch abzubrechen. Doch dann kommt eine ältere Frau auf mich zu. In ihrer Hand hält sie kleine Geldstücke, die sie mir in meine Mütze werfen will.

„Stop“, sage ich, bin ihr aber dankbar für die Aufmerksamkeit. Dann kläre ich die Dame auf: „Ich bin von der Zeitung.“ Auf die Frage, warum sie mir Geld gegeben hätte, schaut mich die Frau verwundert an. „Ihr Spruch hat mir gefallen“, sagt sie. „Einen Euro hat doch jeder übrig. Ich selbst habe zwar nicht so viel, aber helfen ist für mich selbstverständlich.“

Kurze Zeit später kommt noch eine zweite Frau zu mir, die mit zwei Freunden in Schwerin zu Besuch ist. Sie beugt sich über mich, wirft ihre Spende in meine Mütze und wünscht mir einen schönen Tag. Ich gebe ihr den Euro zurück und frage auch sie, warum sie mir helfen wollte. „Es ist schlimm, wenn Menschen aus eigener Kraft nicht am Leben teilhaben können“, erklärt sie ihre Unterstützung. Nach einem kurzen Gespräch zieht auch sie ihrer Wege.

Nach meinen 60 Minuten als Bettler ist meine Mütze gewollt leer. Mein Kopf dagegen voll: Die Blicke und die unterschwelligen Beschimpfungen bleiben. Doch sie sind nicht allein. Auf der Gegenseite steht die Hilfsbereitschaft der beiden Frauen, die mir in meinem gespielten Elend helfen wollten. Ohne mich und meine Geschichte zu kennen.

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