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Schwerin rettet altes Fachwerkhaus vor dem Verfall : Galvanik entgiftet und fast verkauft

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Seit Jahrzehnten steht das Fachwerkhaus in der Puschkinstraße leer. Nachdem sich viele Kaufinteressenten von seiner giftigen Geschichte abschrecken ließen, scheint es nun doch einer ernst zu meinen.

svz.de von
erstellt am 10.Apr.2013 | 09:48 Uhr

Altstadt | Noch kleben Plakate in mehreren Schichten auf der halb verfallenen Fachwerkfassade. "Aber das alte Gebäude in der Puschkinstraße 20 ist quasi verkauft", sagt Stefan Schlick vom Liegenschaftsamt. Nachdem sich immer wieder Kaufinteressenten von der giftigen Geschichte des Gebäudes abschrecken ließen, weil sie dort unter anderem nicht wie erhofft, ihr Familienidyll aufbauen konnten, scheint es nun doch einer ernst zu meinen.

Seit Jahrzehnten steht das Fachwerkhaus leer. Kurz vor der Wende hatten die Schweriner noch ihr Brot beim Bäcker im Erdgeschoss gekauft. Jüngst suchte die Stadt händeringend einen Käufer für das windschiefe Haus, in dem die Jahrzehnte die Deckenbalken durchgebogen haben. Es ist nicht das Fachwerk, das mögliche Käufer abschreckte - das mehr als 300 Jahre alte Haus hatte schon etliche Liebhaber gefunden - es ist das, was im Erdreich dahinter schlummert.

Zunächst waren es nur gelbe Ablagerungen in einigen Kellern der Nachbarhäuser. Aber die Gefahr kroch langsam in Richtung Schweriner See, den es vermutlich in 30 Jahren erreicht hätte, wie Baudezernent Wolfram Friedersdorff vermutete. Es handelte sich um das hochgiftige Chrom(VI)-oxid, das in der Galvanotechnik und auch in Holzschutzmitteln verwendet wurde. Chrom 6, wie es umgangssprachlich heißt, gilt als erbgutverändernd und krebserregend. Beim Verschlucken sind Verdauungsstörungen, Nierenschäden, Krämpfe und Lähmungen die Folge. Bereits 0,6 Gramm können tödlich sein.

Das Gift stammt vom alten VEB Galvanik, der in den vielen Neben- und Hinterhäusern der alten Bäckerei gearbeitet hatte. Nach der Wiedervereinigung sollte das Gelände neu bebaut werden. Dann wurde die Bodenkontaminierung bekannt, der Besitzer ging pleite, konnte sich eine Entgiftungsaktion nicht leisten. Kurzerhand sprang die Stadt ein und kaufte das Grundstück.

Erst im Jahr 2008 folgten die ersten grundlegenden Untersuchungen und brachten das volle Ausmaß ans Tageslicht. "Die Schäden waren viel größer, als wir vermutet hatten", sagte Frie dersdorff damals. An einigen Stellen war das Chrom 6 bereits vier bis fünf Meter tief in den Boden und damit in Grundwasser führende Schichten gelangt. Das Grundstück wurde sofort durch Zäune gesichert. Alte Gebäude, Mauerreste und Leitungen wurden aus dem Boden genommen, das Erdreich auf einer Fläche von etwa 500 Quadratmetern ausgebaggert, in einem Meter Tiefe mit einer Folie versiegelt und darüber erneuert. Regenwasser kann das Chrom 6 nun nicht mehr auswaschen. Mit einem gängigen Verfahren wird das Trinkwasser in etwa zwölf Meter Tiefe gereinigt. Pumpen befördern es an die Oberfläche, dort fließt es über Graugussspäne, die das Chrom 6 zum ungefährlichen Chrom 3 umwandeln. Der Arbeitsgang muss so oft wiederholt werden, bis der Boden sauber gewaschen ist. Nach der Trinkwasserreinigung soll Gras über das Grundstück wachsen. Neue Gebäude und Bäume wird es dort allerdings nicht mehr geben, da sie die Schutzfolie zerstören könnten.

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