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Flüchtlinge in Schwerin : Für Safi führt kein Weg zurück

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der 18-jährige Safiullah Nashrullah lebt seit einem Jahr in Schwerin, vermisst seine afghanische Heimat und kann doch nicht nach Hause

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erstellt am 13.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Sechs Stühle, zwei Tische, zwei grau geblümte Sofas und ein alter Röhrenfernseher, das ist die Wohnzimmereinrichtung. An die Wand gelehnt steht ein Bügelbrett – die einzige Dekoration im Raum. Doch Safi ist glücklich: Er hat wieder ein Zuhause.

Bis Ende Dezember lebte er in Lankow in einem Internat für „Umfs“, für so genannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Aber Safi ist inzwischen 18 Jahre alt und kein „Umf“ mehr. Deshalb wies man ihm zusammen mit seinem Freund Ali eine Sozialwohnung in Neu Zippendorf zu.

Der Umzug war schnell gemacht: Die Jungs packten ihre beiden Taschen, gingen zur Straßenbahn und fuhren zum Berliner Platz. Einige Leute schenkten ihnen alte Teppiche, die beiden Sofas und Gardinen.

Gardinen sind wichtig, das wissen die Jungs: Gegenüber im Hochhaus sind auch überall an den Fenstern Gardinen. Safi und Ali wollen alles richtig machen: Sie trennen Müll, putzen am Wochenende die Wohnung und kochen Mittag, wenn sie von der Schule nach Hause kommen. Sie sind jetzt erwachsen. Aber ein bisschen fühlt Safi sich auch noch wie Kind: Er sehnt sich nach seiner Mutter, würde gern manchmal in den Arm genommen und gestreichelt werden.

Fast täglich telefoniert er mit seinen beiden kleinen Geschwistern und mit seiner Mama. Aber die leben in Chaperhar, im Osten Afghanistans. Dort ist Safi, der eigentlich Safiullah Nashrullah heißt, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dort hat er miterlebt, wie sich die Taliban im Garten seines Elternhauses einquartierten. Als der Vater protestierte, brachte ihn die islamistische Terrormiliz um. Und Safi sollte sich den Mördern anschließen, für den angeblich „Heiligen Krieg“ kämpfen. Er wollte nicht. Die Mutter verkaufte den Garten. 1000 Dollar bekam sie dafür. Sie wusste: Ihr 16-jähriger Sohn galt jetzt als Mann. Er musste gehen, sonst würde auch er sterben. Sie kochte etwas Essen, packte die nötigsten Kleidungsstücke in einen Rucksack, gab die 1000 Dollar dazu und schickte ihren ältesten Sohn weg. Er weinte, wollte nicht gehen, aber sie bestand darauf. Das war im Sommer 2015, im „Wir-schaffen-das-Sommer“.

In Afghanistan brannte die Sonne, es war heiß, 40 Grad im Schatten. Safi schlief tagsüber unter Pappkartons oder Bäumen, nachts lief er bis zu zehn Stunden. Das Ziel: Istanbul. Bis dahin waren es 5000 Kilometer. „Ich wusste nicht: Würde ich unterwegs sterben oder würde ich in der Türkei ankommen?“, sagt Safi. Nach unendlich vielen durchlaufenen Nächten war für Safi nicht klar: Bin ich jetzt in Pakistan oder im Iran? Die Berge sahen gleich aus. Und dann kamen Polizisten, iranische Polizisten. Sie sperrten ihn ein und wollten ihn zurückschicken. Nach zwei Wochen gelang die Flucht, und irgendwann war Safi am Ziel: Istanbul, die Stadt, in der er eine Zuflucht finden wollte. Aber in Istanbul wollte man ihn nicht: Er schlief eine Woche lang auf der Straße und erkannte: Hier konnte er nicht bleiben. Zusammen mit drei andern afghanischen Jungs machte er sich auf den Weg nach Europa – über den Landweg Richtung Bulgarien. Fünf Tage lang liefen sie im Regen durch den Wald, inzwischen war es Herbst und kalt in Europa. 1300 Kilometer müssen sie gelaufen sein von Istanbul bis nach Belgrad. Dort wurden die Flüchtlinge aufgeteilt. Zusammen mit 800 anderen fuhr Safi mit dem Zug: Kroatien, Ungarn, Österreich, Deutschland. Von Bayern ging es für ihn nach Horst und von dort in ein Notaufnahmelager nach Schwerin-Süd. Aber das wusste Safi nicht. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand, kaum jemand sprach seine Sprache. Eine afghanische Familie erklärte ihm dann: „Du bist jetzt in Schwerin, das ist eine Stadt in Deutschland.“

Seitdem ist mehr als ein Jahr vergangen. Inzwischen hat Safi Deutsch gelernt und absolviert ein berufsschulvorbereitendes Jahr. Im August möchte er eine Ausbildung als Fahrzeuglackierer beginnen, im Lackierfachbetrieb Jürgen Rippholz. Dort hat der 18-Jährige schon ein Praktikum gemacht.

„Ich habe nichts gegen die Leute, so lange sie sich anständig benehmen“, sagt der Chef, und ergänzt: „Jeder hat eine Chance verdient.“

Safi bekommt seine Chance, wenn er nicht vorher abgeschoben wird. Im Juni 2016 hatte Safiullah seinen Anhörungstermin in Horst, seitdem wartet er auf den entscheidenden Brief: Würde man seinen Asylantrag ablehnen oder nicht? Viele seiner Freunde haben eine Ablehnung bekommen und hoffen nun darauf, dass ein Anwalt sie auf dem Klageweg vor der Abschiebung bewahren kann.

Denn: Während die Bundesregierung Afghanistan als ein zumindest teilweise sicheres Herkunftsland bezeichnet und weiterhin Menschen dorthin abschiebt, bleibt Afghanistan einem aktuellen UN-Bericht zufolge „eines der gefährlichsten Länder der Welt“. Deshalb wurde jetzt am Sonnabend bundesweit – auch in Schwerin – für einen Abschiebestopp demonstriert.

Safi hat Angst, dass auch er Deutschland wieder verlassen muss – das Land, in das er eigentlich gar nicht wollte. Doch jetzt ist Deutschland für Safi das Land, in dem er Frieden gefunden hat und auch Freunde. Was er sich wünscht? Eine Ausbildung, danach eine Arbeit und eine Familie: „Es ist mir egal, ob ich eine deutsche, eine arabische oder eine afghanische Frau bekomme. Hauptsache, wir lieben uns. Mehr möchte ich nicht, außer: Irgendwann meine Mutter und meine Geschwister wiedersehen.“

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