Schweriner Jugendamt : Freie Träger für starkes Jugendamt

Das Jugendamt soll stärker in die Stadtteile gehen: Sozialdezernent Andreas Ruhl besuchte gestern den Westclub One und sprach mit Leiterin Ivonne Vonsien und Jugendlichen.
Das Jugendamt soll stärker in die Stadtteile gehen: Sozialdezernent Andreas Ruhl besuchte gestern den Westclub One und sprach mit Leiterin Ivonne Vonsien und Jugendlichen.

Sparkurs: Anbieter der kommunalen Hilfen sehen falschen Ansatz der Stadt zur Erziehung bei Kindern und Jugendlichen mit Problemen

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17. Mai 2017, 05:00 Uhr

Die Stadtverwaltung hat die hohen Sozialausgaben erneut auf den Prüfstand gestellt – und stößt bei den Trägern der Jugendhilfe nur auf wenig Zustimmung. Für Sozialdezernent Andreas Ruhl liegt das Problem in der Struktur: Die Zusammenarbeit mit den Freien Trägern müsse verbessert werden, jeder Einzelfall genau unter die Lupe genommen und das Finanz-Controlling effektiviert werden. Und sein Amt müsse entlastet werden. Das funktioniere nur, wenn fehlende Planstellen besetzt würden. Statt 21 Vollbeschäftigten arbeiten im Jugendbereich nur 17. Aktuell sind 727 Fälle zu bearbeiten. Dazu kommen etwa 190 „lose“ Vorgänge. Das sind 54 Fälle pro Vollzeitbeschäftigtem. Wären alle Stellen besetzt, hätte jeder Mitarbeiter zehn Fälle weniger zu bearbeiten.

Für diese Analyse gibt es Lob der Freien Träger. „Wir brauchen in Schwerin ein verlässliches und starkes Jugendamt“, sagt Frank-Holger Blümel, Geschäftsführer der Sozius Pflege- und Betreuungsdienste. Er widerspricht allerdings dem oft angeführten Motto „ambulant vor stationär“, weil die Heimunterbringung auf den ersten Blick die teurere Variante zur Betreuung in der Familie sei. „Das lässt sich nicht verallgemeinern“, betont Blümel. „Es muss die wirksamste Betreuung für ein Kind gefunden werden. Und das Jugendamt muss in der Lage sein, das zu bewerten und zu kontrollieren.“ Bislang seien solche inhaltlichen Überprüfungen durch die städtische Behörde eher die Ausnahme.

Auf mehr Kooperation zwischen Amt und Träger setzt auch die Arbeiterwohlfahrt. „Wir sind in der Lage, stationäre Betreuung mit Doppeldiensten abzusichern. Es geht um Betreuung und nicht Verwaltung des Kindes“, sagt Awo-Geschäftsführer Axel Mielke. Wenn jedoch solche Einrichtungen auf Grund der höheren Kosten von der Stadt nicht mehr genutzt würden, sei das falsch. „Denn sie funktionieren. Wir konnten im vergangenen Jahr acht Kinder wieder in die Häuslichkeit entlassen“, ergänzt Awo-Fachbereichsleiter Steffen Marquardt.

Für die Freien Träger sei deshalb ein handlungsfähiges und kooperierendes Jugendamt im Sinne der betroffenen Kinder und Jugendlichen am wichtigsten. Erst in zweiter Linie dürfe man aufs Geld schauen. Und ohnehin sei die Kritik von Dezernent Ruhl, in Schwerin würden Hilfsmaßnahmen zu lange dauern und dadurch hohe Kosten verursachen, an die falsche Adresse gerichtet. Blümel und Mielke betonen: „Allein Jugendamt und Familiengericht entscheiden über eine Fortführung der Maßnahme.“ Und hohe Kosten würden auch entstehen, weil „hier Plätze nicht ausreichen und Kinder zur Betreuung außerhalb Schwerins gegeben werden“. Dort seien Pflegesätze höher.

Auf Initiative von Ruhl gibt es aktuell im Amt die Einzelprüfung aller Fälle. Denn der Spardruck bleibt: 19 Millionen Euro für Hilfen zur Erziehung ist der zweitgrößte Block bei den Sozialausgaben.

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