Flüchtlingsfrage bewegt unsere Leser

Kommentar: Am „Heißen Draht“ unserer Redaktion geht es in diesen Tagen zunehmend um weltpolitische Fragen statt ums Lokale

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28. August 2015, 21:00 Uhr

Der „Heiße Draht“ der Lokalredaktion ist täglich ein Fenster zu den Problemen, Sorgen und Nöten unserer Leser. Ihre Anliegen sind uns Ansporn, Missstände aufzudecken, Schwierigkeiten beseitigen zu helfen und Fragen zu beantworten. Doch in diesen Tagen fällt uns das zusehends schwerer. Denn nicht nur lokale Themen bestimmen die Sorgen unserer Leser, sondern vor allem die Flüchtlingsfrage.

Es freut uns Redakteure, dass unsere Leser so viel Vertrauen in uns setzen, weltpolitische Unklarheiten mit uns besprechen zu wollen. Es zeigt das Vertrauen in die Regionalzeitung, auch große Themen anpacken zu können. Es beweist aber auch, dass es unzählige unbeantwortete Fragen der Leser gibt. Es verdeutlicht, dass Antworten, die eigentlich die Politiker liefern sollten, nicht da sind.

Die Konsequenz, die zahlreiche der Anrufer daraus ziehen, ist erschreckend: Wir gehen nicht mehr wählen. Das bringt ohnehin nichts. So unrecht haben NPD und AfD ja auch nicht. Das wird unser Land nicht verkraften können. Mir persönlich wird es durch die Flüchtlinge bald schlechter gehen. Oder noch schlimmer: Wird ein Flüchtling durch unseren Sozialstaat am Ende finanziell sogar noch besser gestellt sein als ich, der ich 40 Jahre in Deutschland gearbeitet habe?

Persönliche Ängste, Sorgen und Befürchtungen lassen sich nicht wegdiskutieren. Wir nehmen sie ernst. Aber entspricht ein individuelles Meinungsbild aus Hörensagen, Gesprächen mit Nachbarn und der Flut an teilweise polemisierenden Nachrichten in den unterschiedlichen Medien tatsächlich der Realität?

Wer vor dem Terror aus dem Irak oder Syrien flieht, muss bei uns und anderen EU-Staaten Hilfe finden. Dass derzeit jeder dritte Flüchtling Deutschland ansteuert zeigt, dass wir in einem funktionierenden Sozialstaat leben. Wir sind gefragt. Es beweist aber auch, dass die Europäische Union in dieser Frage ebenso versagt, wie sie als Solidargemeinschaft in der Griechenland-Frage richtig gehandelt hat. Insofern sind die Fragen unserer Leser am „Heißen Draht“ mehr als berechtigt.

Das Bedenkliche, ja das Verwerfliche einiger Anrufer sind aber die Fazits, die sie für sich daraus ziehen. Das heutige Versagen der EU an der griechisch-mazedonischen Grenze ist doch kein Grund infrage zu stellen, dass wir Menschen, die vor Krieg und Mord fliehen, ein Zuhause auf Zeit geben. Dass hat weder mit einer „Überfremdung“ unseres Landes noch mit drohendem Identifikationsverlust der deutschen Nation zu tun, wie es mancher Anrufer befürchtet. Wir leben in einem starken Land. Unser Deutschland hat es gemeistert, uns 16 Millionen Ostdeutsche in diese Bundesrepublik zu integrieren – inklusive des Geldumtausches, der Rentenangleichung und milliardenschwerer Investitionen in den Stadtumbau Ost. Dann werden wir auch die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen bewältigen. Nichts, aber auch gar nichts spricht gegen Multikulti. Es tut uns gut. Es bereichert die Nation. Durch eine Moschee in unserer Nachbarschaft werden wir unsere Identität ganz bestimmt nicht verlieren.

Viele von uns Deutschen haben ihre Wurzeln in Eltern und Großeltern, die einst geflohen sind. Unsere Vorfahren sind aufgenommen worden, als es ihnen besonders schlecht ging. Daran sollten wir uns heute erinnern, wenn wir Bilder aus Heidenau und anderen Orten sehen, in denen Chaoten unseren Ruf als weltoffene Nation gefährden. So ist Deutschland nicht. So sind wir nicht.

Genau deshalb freuen wir uns über jeden Anrufer an unserem „Heißen Draht“. Denn sie wollen über ihre Fragen reden anstatt irgendwelchen Rattenfängern Parolen nachzuplappern. Und auch wenn wir keine ultimativen Antworten parat halten, wissen wir doch: Zündelnder Menschenhass hat in unserer Gesellschaft ebenso wenig zu suchen wir blökende Rechte. Wir haben für die Fragen unserer Leser weiterhin ein offenes Ohr. Und immer öfter auch eine Antwort.

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