Polizisten auf der Schulbank : Flüchtlinge besser verstehen

Unterricht am Flipchart: Naima Schreiber und Thomas Littwin vom Verbund für Soziale Projekte stellten den Kontakt- und Präventionsbeamten der Schweriner Polizei die Unterschiede zwischen westlichen und arabisch geprägten Gesellschaften vor.
Unterricht am Flipchart: Naima Schreiber und Thomas Littwin vom Verbund für Soziale Projekte stellten den Kontakt- und Präventionsbeamten der Schweriner Polizei die Unterschiede zwischen westlichen und arabisch geprägten Gesellschaften vor.

Seminar bei Zuwanderungsexperten soll interkulturelle Kompetenz der Ordnungshüter stärken

svz.de von
20. Januar 2016, 21:00 Uhr

Sie möchte Verständnis wecken, für Besonderheiten, für Traditionen und Verhaltensweisen, eine Brücke schlagen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen: Naima Schreiber, gebürtige Marokkanerin, Muslimin, Schwerinerin, Mitarbeiterin beim Verbund Sozialer Projekte (VSP), Referentin. „Wer Konflikte vermeiden will, muss den kulturellen Hintergrund des anderen verstehen“, sagt sie. Ein Seminarraum am Dreescher Markt. Am Tisch: Polizisten, Kontakt- und Präventionsbeamte der Schweriner Polizei.

Mit dem Projekt „Ansprechpartner Migration“ fördert die Schweriner Polizei die interkulturelle Kompetenz in den eigenen Reihen. So stand bereits ein Besuch in der Moschee in der Anne-Frank-Straße auf dem Programm. Mohamed Dib Khanji vom Islamischen Bund führte die Beamten durch die Räume, sprach über die aktuelle Lage in Syrien und dem Irak. Nun also das Seminar mit Naima Schreiber und VSP-Chef Thomas Littwin.

Es geht um die Bedeutung der Großfamilie. Die Familie bleibe für die Flüchtlinge auch fern der Heimat die Bezugsgröße, schildert Naima Schreiber. „Die jungen Männer, die zu uns kommen, sparen von dem wenigen Geld, das sie erhalten, noch einen Teil, um ihre Angehörigen zu unterstützen.“ Während in westlichen Staaten das Individuum im Mittelpunkt stehe, dominiere in den Herkunftsländer der Migranten das Wir-Gefühl, ergänzt Littwin. Eine Generation sorge für die andere.

Stichwort: Gleichberechtigung. In arabisch geprägten Gesellschaften gäbe es eine klare Rollenverteilung, berichtet Schreiber. Die Frau kümmere sich um die Familie, der Mann um die Außenbeziehung, um die Kontakte zu Ämtern zum Beispiel. „Die Frau ist der Innenminister, der Mann der Außenminister“, so die VSP-Mitarbeiterin, die seit 1999 in Deutschland lebt.

Die Polizisten nicken, so haben sie es auch schon erlebt. „Wenn wir eine Muslimin als Zeugin befragen, antwortet ihr Mann“, berichten sie. „Der Mann will seine Frau beschützen“, erläutert Littwin. Er weiß, der westliche Begriff von Gleichberechtigung sieht anders aus, ganz anders. Integration funktioniere aber nicht über Nacht, sagt Littwin. Es gehe um Kompromisse, um einen langfristigen Prozess.

Die Flüchtlingswelle bescherte der Schweriner Polizei zusätzliche Aufgaben. Ein wachsames Auge auf die Erstaufnahmeeinrichtung in Stern Buchholz zu werfen – nur eine Seite der Medaille. Viele Flüchtlinge meldeten sich im vergangenen Jahr auch direkt im Polizeizentrum in der Graf-Yorck-Straße, ließen sich registrieren. „Wir wollen die Menschen aus Syrien und anderen Ländern besser verstehen“, erklärt Polizeisprecher Steffen Salow. Dabei gehe es gar nicht so sehr um Sprachkenntnisse, sondern um ein Verständnis der kulturellen Traditionen – deshalb das Seminar.

Naima Schreiber nutzt die Gelegenheit auch für einen Appell. Was sich in der Silvesternacht in Köln ereignet habe, sei durch nichts zu entschuldigen, dürfe aber nicht zu einem Pauschalurteil über Flüchtlinge aus Nordafrika oder anderen Gegenden führen, mahnt die Referentin.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.
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