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Syrische Mediziner rettete sich und seine Familie aus Aleppo : Flucht vor dem Terror nach Schwerin

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„Ich hatte großes Glück“, sagt Dr. Muhammed Kowefateia. Er konnte gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier zwischen drei und elf Jahre alten Kindern aus Syrien fliehen – vor Krieg, Terror, Zerstörung.

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erstellt am 24.Jun.2013 | 10:47 Uhr

„Ich hatte großes Glück“, sagt Dr. Muhammed Kowefateia. Er konnte gemeinsam mit seiner Frau und seinen vier zwischen drei und elf Jahre alten Kindern aus Syrien fliehen – vor Krieg, Terror, Zerstörung. Der Weg über die Türkei und deutsche Behörden war schwer und lang. „Doch wir leben, sind gesund und ich habe Arbeit“, sagt der Mediziner bescheiden. Dass er seine Familie absolut unvorbereitet in eine völlig neue Welt gebracht hat und er selbst – ehemals angesehener Chefarzt der Hämatologie in der syrischen Weltkulturerbe-Stadt Aleppo, der bereits vier Jahre in den 2000ern in Deutschland gearbeitet hatte – in Schwerin eine Facharztausbildung anfangen musste, belastet ihn nicht. „Ich hatte keine andere Möglichkeit“, sagt Muhammed Kowefateia.

Rückblende. Es war ein Montag im Juli 2012, als Bomben in nur einem Kilometer Entfernung vom staatlichen Krankenhaus in Aleppo einschlugen. Es war der Tag, als der Krieg erneut ins Leben des heute 45-jährigen Arztes knallte. Als 1982 Hafiz al-Assad, der Vater des heutigen Machthabers, einen Aufstand mit Panzern und Luftwaffe blutig niederschlug und die mittelsyrische Stadt Hama zerstörte – geschätzte 30 000 Zivilisten verloren damals ihr Leben –, war Muhammed Kowefateia fast noch ein Kind und weit weg. Jetzt hatte Präsident Baschar al-Assad den Terror zur Familie von Muhammed Kowefateia gebracht. Noch am selben Abend beschlossen er und seine Frau, eine Kunstlehrerin, Syrien zu verlassen. Am Tag nach der Bombardierung wollte er noch einmal zur Arbeit. Doch auf den Straßen herrschten Feuergefechte. Zwei Tage darauf erreichte Familie Kowefateia die Türkei. „Ich hatte keine Zeit für eine richtige Kündigung“, sagt Muhammed Kowefateia nachdenklich. Als wenn es wichtig wäre. Das Krankenhaus von Aleppo haben die Assad-Truppen zwei Monate nach seiner Flucht weggebombt. „Mehr als 80 Prozent“ seiner Kollegen hatten da glücklicherweise die Stadt längst verlassen, viele von ihnen wie er ins Ausland.

Doch der Weg der Familie Kowefateia nach Schwerin war steinig. Dabei war es für den Mediziner, der schon in Deutschland gearbeitet hat, noch relativ einfach: Er sprach die Sprache in den deutschen Botschaften. Und er hatte Erspartes. Dennoch: „Das Auswärtige Amt müsste uns Syrern viel mehr helfen“, sagt der Arzt. „Wir werden immer zuerst auf einen Termin in zwei, drei Monaten vertröstet“, berichtet er aus seiner Erfahrung. „In Deutschland gibt es das Sprichwort, Zeit ist Geld. In Syrien bedeutet Zeit Blut und Menschenleben.“

Muhammed Kowefateia kämpfte mit Bewerbungen und Visum-Anträgen. Schließlich erhielt er ein Angebot aus den Schweriner Helios-Kliniken. Nicht als Hämatologe zwar, aber als Assistenzarzt in Weiterbildung an der Klinik für Strahlentherapie. Kowefateia nahm an, obwohl er da das erste Mal überhaupt von Schwerin gehört hat. In einer kleinen türkischen Pension ließ er Frau und Kinder zurück und reiste im Dezember 2012 nach Deutschland.

Heute gibt es schon wieder ein bisschen Alltag für Familie Kowefateia. Jetzt im Juni konnte er endlich seine Frau und die Kinder nach Schwerin holen – nach sechs Monaten Kampf um die Visa. Nach vergeblicher Wohnungssuche bei Privatanbietern war er letztlich bei der kommunalen Wohnungsgesellschaft fündig geworden. Die Vierraum-Wohnung hat er bereits so gut es ging für die Großfamilie eingerichtet. Er selbst hat eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, eine Arbeitserlaubnis. Für seine Familie hat er jetzt die Aufenthaltsgenehmigung beantragt. „Der Chefarzt der Strahlenklinik, Dr. Hinrich Annweiler, hat mir sehr bei Behördengängen und offiziellen Schreiben und Anträgen geholfen“, sagt Muhammed Kowefateia. „Auch die Ausländerbehörde hat mich sehr unterstützt.“ In der vergangenen Woche hat er schon mit einer Schulleiterin gesprochen, um die Zukunft seiner Kinder zu regeln. „Ich hoffe, das Schulamt hilft mir auch“, sagt der 45-Jährige.

Denn Muhammed Kowefateia ist davon überzeugt, frühestens in fünf oder gar zehn Jahren in seine Heimat zurückkehren zu können. Zu viel könne das Assad-Regime noch töten und zerstören, ohne dass die internationale Staatengemeinschaft handeln würde, beklagt der Mediziner, der sich als „absolut unpolitisch“ bezeichnet. Was aber in Syrien 2011 als Folge des Arabischen Frühlings mit dem Ziel der Demokratisierung Syriens begann, ist längst zu einem religiösen Machtkampf geworden, in dem sich Hisbollah-Kämpfer, Al-Qaida-Streiter und Kurden-Krieger mit Waffengewalt einmischen. Es ist selbst für Experten inzwischen schwer, einen Überblick zu behalten. Fakt ist nur: Die Regierungstruppen von Präsident Assad, den der jetzt in Schwerin arbeitende Arzt mit Nordkoreas Diktator und den Anführern der Roten Khmer gleichsetzt, werden mit Waffen aus Russland ausgestattet. „Der Krieg kann nur schneller beendet werden, wenn der Westen ein Flugverbot für Syrien durchsetzt und ebenfalls Waffen liefert“, sagt Muhammed Kowefateia überzeugt. „Aber die USA reden nur. Sie tun nichts.“

Von der Weltkulturerbe-Stadt Aleppo ist heute mehr als die Hälfte zerstört. Seit der vergangenen Woche gehen die Kämpfe dort in eine neue Runde. Nach offiziellen Angaben sind seit Kriegsbeginn fünf Millionen Syrier auf der Flucht und 93 000 tot. „Es hat aber bereits mindestens eine Viertelmillion Tote gegeben“, sagt Muhammed Kowefateia. „Es ist ein schmutziger Krieg geworden, ohne demokratische Ansätze.“ Die Diskussion zwischen Putin und Obama, ob denn der syrische Diktator Chemiewaffen eingesetzt hätte, versteht der Arzt und Familienvater ohnehin nicht. „Assad hat mit Raketen in Städte geschossen, auch in Aleppo. Bei einem Angriff in einem Stadtteil ohne jegliche militärische Bedeutung sind mehr als 200 Zivilisten gestorben, Kinder, Frauen, Alte. Ist das weniger schlimm als Chemiewaffen?“ Er könne sich aber vorstellen, dass Assad auch verbotene Waffen benutzt. „Er wird alles tun, um an der Macht zu bleiben“, lautet die bittere Bilanz des Mediziners. „Und stoppen kann ihn nur die Einmischung der freien Welt. Amerika und die EU müssen helfen. Ansonsten geht das Töten immer weiter.“

Seine private Unterstützung hat Muhammed Kowefateia schon erhalten. Er wagt in Schwerin den Neuanfang für sich und seine Familie. „In der Klinik arbeiten alle im Team. Das gefällt mir sehr“, sagt der Mediziner. „Und Schwerin ist eine sehr schöne Stadt.“ Und vielleicht, wer weiß, in ein paar Jahren, werde die Familie auch wieder ein Auto besitzen und in gemeinsamen Urlaub fahren können. Die Niederlande würde er gerne einmal besuchen, Träume dürfe er schließlich haben. Im Kleinen für die Familie und im Großen für ein freies, friedliches und demokratisches Syrien. Seine Heimat.

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