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Das Kultmusical "Hair" am Staatstheater : Flower Power mit Dornen

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Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin hat für zwei Wochen den Blumenkindern das Haus überlassen. Der Kultfaktor von "Hair" scheint ungebrochen: Alle zehn Vorstellung sind bis auf wenige Stehplätze ausverkauft.

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erstellt am 10.Feb.2012 | 06:58 Uhr

Schwerin | Es gab Zeiten, da pilgerten junge Ostdeutsche nach Budapest, um die Verfilmung des Love-Rock-Musicals "Hair" zu sehen - notgedrungen mit ungarischen Untertiteln. Oder sie gehörten zu den wenigen Glücklichen, die im Polnischen Kulturzentrum in Berlin eine "Hair"-Platte ergattern konnten. "Hair", 1968 am Broadway uraufgeführt - das war in den 60er- und 70er-Jahren die Botschaft von Aufruhr und Freiheit, vom Aufbegehren gegen die verspießte Elterngeneration und von der Sehnsucht nach einem anderen Leben. Jenem "Wassermannzeitalter", in dem nur noch Glück und Liebe, Gewaltlosigkeit und Frieden herrschen sollten. Sex, drugs and rock ’n’ roll for ever! Im Schatten des Vietnamkrieges entstanden, wurde "Hair" zu einem der weltweit erfolgreichsten Musicals aller Zeiten.

Nun hat auch das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin das Große Haus für zwei Wochen den Blumenkindern überlassen. Der Kultfaktor von "Hair" scheint ungebrochen: Alle zehn Vorstellung sind bis auf wenige Stehplätze ausverkauft. Das Premierenpublikum am Donnerstag jubelte begeistert, Regisseur Ralph Reichel konnte nach der ungemein erfolgreichen "Rocky Horror Show" erneut beweisen, dass er am Schweriner Theater der Meister für große Musical inszenierungen ist.

Kraftvolle und überraschende Arrangements

Gemeinsam mit seinem Team (Bühne und Kostüme Claudia Charlotte Burchard, Choreographie Rüdier Daas) und der furios rockenden Achtmannkapelle unter der Leitung von Thomas Möckel erzählt Reichel die Geschichte jener Gruppe langhaariger Hippies (daher "Hair), die in New York voller Lebenslust in den Tag hineinfeiern, sich gegen die Einberufung als Soldaten für den Vietnamkrieg auflehnen und zugleich die Spielarten der Liebe ausleben.

Welch ein Vergnügen, die singenden und tanzenden Schauspieler gemeinsam mit dem singenden Ballettensemble zu erleben, das mal im 60er-Jahre-Outfit, dann wieder in orientalischen Gewändern oder Krishna-Kutten zu begeistern weiß. Verstärkt durch Statisten, entstehen so auf der Bühne stets neue, kraftvolle und überraschende Arrangements. Flower Power, die ihren Namen verdient.

Während recycelte Musical-Produktionen von "Tarzan" bis "König der Löwen" nie ganz verbergen können, dass sich dort Sänger auch als Schauspieler versuchen, liegt die Stärke des Schweriner "Hair"-Abends gerade in der Vielseitigkeit der Schauspieler, die in den Spielszenen, Liedern und Tänzen zugleich offenbar wird.

Nichts gelernt von den 68ern

Leider hat das Inszenierungsteam der Kraft des Musicals und seiner zeitlosen Botschaft allein nicht vetraut und eine neue Rahmenhandlung erfunden, in die auch noch eine gehörige Portion Aufklärung eingewoben wurde.

Die Idee: Soldaten von heute proben im UN-Auslandseinsatz das Musical "Hair". In dieser Konstellation können dann zwei Offiziere (Andreas Lembcke und Christoph Bornmüller als herrlich-clowneske Spielmacher in verschiedenen Rollen) Theater befehlen. Spieler treten aus ihren Rollen und versorgen die Zuschauer mit aktuellen Informationen über den Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan oder die unterschätzte Rolle von Frauen in Krisengebieten. Ergänzt durch Interviews mit Soldaten über ihre Motivation, im Ausland zu dienen und markigen Werbebotschaften der Bundeswehr.

Und Klaus Bieligk als Onkel Sam mit riesigem Zylinder und amerikanischem Sternenbanner in seinem Rollstuhl wird im Laufe des Abends von einem durchgeknallten, anarchischen Element mehr und mehr zu einer ziemlich ironiefreien Figur des Agitproptheaters. Von der dann auch die Inszenierung selbst zuweilen infiltriert wird. Das Musical als moralische Anstalt betrachtet? Dazu passt, dass sich das Ensemble zum letzten Lied "Let The Sunshine In" an der Bühnenrampe formiert und ernst ins Publikum blickt. Nichts gelernt von den 68ern. Das Wassermannzeitalter ist noch immer in weiter Ferne. Wir haben verstanden. Wegtreten!

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