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Volkskundemuseum Mueß : Fischer-Schätze vom Dachboden

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweriner Familie bewahrte Zunftfahne und Totenlade in ihrem Haus auf – Hans-Jürgen Diercke übergab die Stücke jetzt ans Museum

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erstellt am 27.Mai.2015 | 16:00 Uhr

Er brachte ein besonderes Geschenk und besondere Geschichten: Hans-Jürgen Diercke überließ dem Volkskundemuseum Mueß jetzt die Zunftfahne der Schweriner Fischer, die lange bei seiner Familie auf dem Dachboden in der Bornhövedstraße aufbewahrt wurde. Ein echter Schatz, freut sich Museums-Chefin Gesine Kröhnert. Die zusätzlichen Anekdoten aus der Fischerfamilie bereichern außerdem den Wissensschatz der Volkskundler. SVZ war bei der Übergabe dabei.

„Man muss auf den See, wenn der Fisch es will, nicht wenn die Arbeitszeiten es vorschreiben.“ Diesen Leitspruch seines Vaters hat Hans-Jürgen Diercke nie vergessen. Auch nicht, wie der Fischer in den 60er-Jahren kopfschüttelnd nach Hause kam: Seitdem die Fischerei auf dem Schweriner See vom VEB gelenkt wurde, ging es seiner Meinung nach bergab. Der Sohn würde deshalb mit der jahrhundertealten Familientradition brechen und nicht Fischer werden. Hans-Jürgen Diercke lernte Schiffsbautechnologie in Rostock, war lange beim Kabelwerk beschäftigt und arbeitet heute in einem Steuerbüro in Hamburg.

Wann seine Vorfahren angefangen haben zu fischen, das weiß Hans-Jürgen Diercke nicht genau, aber auf jeden Fall weit vor 1750. Das ist das Jahr, in dem die „Todten-Zunft Ordnung für die Fischer zu Schwerin“ errichtet wurde. Die entsprechende Urkunde lagerte bislang in einer kleinen Holztruhe in der Bornhövedstraße. Diercke nennt sie die „Fischer- und Schiffer-Totenlade“, die Lebensversicherung der Innungsmitglieder und ihrer Familien über viele Jahre. Aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts datieren die letzten Einträge. Jetzt hat er das geheimnisumwobene, immer gut verschlossene Stück abgegeben – ans Freilichtmuseum in Mueß. Zusammen mit einer mehr als 100 Jahre alten, großen, seidenen Zunftfahne, die gut eingerollt ebenfalls auf dem Dierckeschen Dachboden lagerte. Dierckes Mutter ist gestorben, der Sohn lebt jetzt in einer anderen Stadt. Doch viele Erinnerungen und Geschichten bleiben und wurden jetzt weitererzählt – auch das Geheimnis, wo der Grabstein vom letzten Schweriner Seevogt Georg Diercke (1854-1924) versteckt liegt. Sie alle passen perfekt in die aktuelle Arbeit im Freilichtmuseum: Die Dauerausstellung zur Binnenfischerei wurde aufpoliert und wird am 13. Juni mit einem Fest wiedereröffnet. Übrigens: Auch heute noch wird im Schweriner See tonnenweise Fisch gefangen. 34 verschiedene Fischarten konnten bislang nachgewiesen werden.

Dass Aal, Zander und Hecht das trübe Wasser lieben und die Maräne sauberes Wasser anzeigt, das weiß auch Hans-Jürgen Diercke. Er kann erklären, warum der Aal in der Nacht gefangen wird, warum die Untiefe „Mehl“ nördlich von Kaninchenwerder spitz und gefährlich ist oder auch, wie die Fischer abgestürzte Flugzeuge aus dem See geborgen haben. Den besonders dicken Aal nennt Diercke „Bossbengel“ und Gesine Kröhnert notiert sich das, denn diese Bezeichnung hatte die erfahrene Volkskundlerin bisher noch nicht gehört. Wenn sie im Innungsbuch blättert, dann kann sie problemlos die deutsche Schrift lesen, an deren Entzifferung Hans-Jürgen Diercke bisher gescheitert ist. Statt spannender Geschichten stehen dort jedoch viele Zahlen – Einnahmen und Ausgaben – sowie Anwesenheitslisten, Neueintritte oder Namen von Verstorbenen. Eine klassische historische Quelle, die in der nächsten Zeit ausgewertet wird.

Als 14-Jähriger, erzählt Hans-Jürgen Diercke, habe er die Schatzkiste einmal heimlich geknackt. Vielleicht war er ein bisschen enttäuscht, nur alte Bücher und Papiere darin zu finden statt Gold, Silber oder Schatzkarten. Auch die Fahne wurde nie ausgerollt. Wahrscheinlich befindet sie sich deshalb noch in so gutem Zustand, sagt Gesine Kröhnert. Für die Dauerausstellung sei sie zu brüchig. Die Flagge wurde fotografiert und in den Bestand aufgenommen, später wird eine Textilrestauratorin sie begutachten.

Leicht fällt Hans-Jürgen Diercke der Abschied vom Familien-Heiligtum am Ende doch nicht. Gesine Kröhnert kann ihn trösten: „Die Flagge befindet sich in bester Gesellschaft. Wir haben eine sehr große Sammlung von Zunftfahnen bei uns.“ Nicht alle so reich verziert, aber alle gut bewahrt aus der Vergangenheit für die Zukunft.

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