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Nahverkehr streitet mit Umland : Fahrgäste leiden unter Busstreit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Einheitliche Kombi-Tickets für Westmecklenburg nicht in Sicht. Doppelte Fahrten auf einer Strecke belasten die Umwelt

von
erstellt am 06.Apr.2016 | 04:45 Uhr

Es fällt schwer, im eskalierenden Busstreit zwischen der Landeshauptstadt und dem Landkreis Ludwigslust-Parchim den Schwarzen Peter in eine Richtung zu schieben. Was Jahrzehnte gängige Praxis war, ist durch Parchimer Kreistagsbeschluss aufgeweicht worden: Nicht mehr der Nahverkehr aus Schwerin soll die Fahrgäste aus dem Umland in die Landeshauptstadt fahren. Das kann der kreiseigene Betrieb VLP auch selbst.

Doch es geht auch anders, wie der Nordwestkreis zeigt: Lübstorfer und Pingelshagener können weiterhin den Schweriner Nahverkehr nutzen, der morgens allerdings mit einem Nahbus aus Nordwestmecklenburg konkurriert. Wittenfördener steigen ebenfalls in einen Nahverkehrsbus, statt in einen VLP-Bus. Die Linie 6, die einst bis Pinnow fuhr, endet nun in Mueß. Pinnower müssen auf VLP-Busse umsteigen. Und das ist für Fahrgäste teurer als bisher.

Aber auch andere Buslinien aus den Kreisen Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim, die die Schweriner Innenstadt ansteuern, will die Landeshauptstadt am Stadtrand ausbremsen. Die Fahrgäste aus dem Umland sollen im Norden in der Kieler Straße und im Süden in der Von-Stauffenberg-Straße in Straßenbahnen des Nahverkehrs umsteigen (SVZ berichtete). Damit soll die Umwelt geschont werden und vor allem die Rettungsgasse für Feuerwehren und Krankenwagen vom Platz der Jugend über den Marien- und den Bürgermeister-Bade-Platz freigehalten werden.

Denn die Lebensretter haben Alarm geschlagen, dass sie vor allem auf dem Marienplatz und am Hauptbahnhof oft hinter Bussen im Stau stehen. Die Alternative könnte funktionieren, da aktuelle Zählungen der Stadt zeigten: Aus 53 Umlandbussen pro Tag steigen am Marienplatz gerade einmal 60 Fahrgäste aus, am Hauptbahnhof gehen täglich aus 128 Bussen durchschnittlich nur 13 Leute zu den Gleisen.

Zahlen, die VLP-Geschäftsführer Stefan Lösel anzweifelt. Elf Linien des Verkehrsbetriebes Ludwigslust-Parchim steuern Schwerin an. „Im Zuge der Bauarbeiten auf dem Marienplatz hat die VLP bereits eine große Zahl der Fahrten über den Marienplatz auf andere Fahrwege verlegt“, erklärt Lösel. „Heute findet nur die Hälfte der Fahrten stadtauswärts über den Marienplatz statt. Lediglich ein Drittel der Fahrten stadteinwärts wird noch über den Marienplatz geführt.“ Aussagen über Fahrgastzahlen hat Lösel aber bislang nicht vorgelegt.

Doch nicht nur das Stadtzentrum ist ein Knackpunkt im Streit. Der VLP lehnt auch den Umsteigepunkt Stauffenbergstraße ab – und weiß dabei um seine politische Rückendeckung. Im Wirtschaftsausschuss des Landkreises Ludwigslust-Parchim glaubt man nicht daran, dass Fahrgäste aus dem Landkreis in Schwerin noch einmal umsteigen wollen, nur um ins Zentrum oder zum Bahnhof zu kommen. Zumal die avisierten Kombi-Tickets immer teurer werden würden als es die alten Lösungen waren. Denn mit der neuen Vereinbarung, die Nordwestmecklenburg geschlossen hat, muss der Fahrgast einen Aufpreis zahlen, um ins Zentrum Schwerins zu kommen. Bisher ist es so, dass der Fahrgast, der in einem VLP-Bus nach Schwerin fährt, ohne Zusatzkosten bis zum Bahnhof durchfahren kann. Wenn der auswärtige Fahrgast dann den Schweriner Nahverkehr nutzen will, kann er auch jetzt schon ein Kombi-Ticket kaufen, das allerdings noch keinerlei Rabatt enthält. Genauso gut kann sich der VLP-Fahrgast in einer Schweriner Straßenbahn auch einen normalen Fahrschein kaufen.

VLP-Chef Stefan Lösel, weist deshalb die Kritik aus Schwerin zurück. „Es geht doch gar nicht darum, ob sich hier die Chefs der Verkehrsbetriebe verstehen oder nicht. Es geht um eine politische Lösung, um ein ganzheitliches Nahverkehrskonzept für die Region. Und das sehe ich derzeit mit den Schweriner Plänen überhaupt nicht.“

Nicht nur Stefan Geier, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Landkreis, setzt auf politische Gespräche. Noch im Frühjahr soll es eine gemeinsame Sitzung der Wirtschaftsausschüsse unter dem Dach der IHK geben.

Auch beim Landkreis ist man sich im Klaren darüber, dass es bei der bisherigen Lösung, wonach alle Busse einfach so durch Schwerin und vor allem über den Marienplatz fahren können, wohl kaum bleiben wird. Allerdings will dort niemand, dass alle Fahrgäste aus dem Landkreis künftig zwingend auf dem Großen Dreesch umsteigen müssen. Und so gab es schon Kompromissangebote, zumindest einige Buslinien über den Obotritenring ausweichen zu lassen.

Kommentar:

Senioren auf Verliererstrecke

Parallelfahrten lassen sich nur mit einem Kombi-Ticket vermeiden, mit dem der Kunde aus dem Umland problemlos und ohne große Mehrkosten in ganz Westmecklenburg fahren kann. So lange Verkehrsgesellschaften, Verwaltungen und Politiker streiten, werden weitere Fahrgäste aufs Auto umsteigen – zumindest die, die es können. Senioren, die nicht so gut zu Fuß sind und zum Facharzt beispielsweise ins Schweriner Gusanum müssen, sind die größten Verlierer im Streit: Sie zahlen für die Fahrt drauf und sollen auch noch umsteigen. Deshalb: Die Stadt und das Umland müssen sich einigen. Dem Fahrgast ist es schließlich egal, wem der Bus gehört, der ihn günstig von A nach B bringt. Timo Weber

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