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Zeitung für die Landeshauptstadt

21. Oktober 2017 | 16:12 Uhr

Naturschutz : Fachleute gegen neue Stege

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Experten des Netzwerks Lebendige Seen Deutschland kritisieren Stadtplaner: Auch Zahl der Motorboote müsste begrenzt werden

von
erstellt am 19.Okt.2015 | 21:00 Uhr

An 15 Standorten könnten 451 Liegeplätze für Freizeitkapitäne entstehen, ohne dass es Beeinträchtigungen für die Natur geben würde. Das zumindest steht in einem Gutachten, dass das Kieler Institut für Landschaftsökologie im Auftrag der Stadt angefertigt hat. Zur Erinnerung: Der BUND hatte der Verwaltung per Gericht untersagen lassen, einen riesigen Steg vis-à-vis der Weißen Flotte am Franzosenweg zu bauen. Das Gutachten soll nun alle Befürchtungen der Umweltschützer entkräften.

Doch die denken gar nicht daran – und haben fachkundige Unterstützer. Weitere Bootsstege verkraftet der See im Stadtgebiet nicht, stattdessen sollte dafür gesorgt werden, dass vorhandene Stege von allen genutzt werden können, lautet das Fazit von Patrick Trötschler, stellvertretender Geschäftsführer der Bodensee-Stiftung. Seen weckten immer Begehrlichkeiten. Aufgabe einer modernen Stadtentwicklung sei es aber, den Blick auf den See zu gewährleisten und die Ufer zu entlasten.

Der Experte vom Bodensee war einer von mehreren Fachleuten, die von zehn deutschen Seen und Seenregionen aus dem Netzwerk Lebendige Seen Deutschland an den Schweriner See gekommen waren. Den hatte das renommierte Netzwerk im März zum „Lebendigen See des Jahres“ gekürt (SVZ berichtete). Doch das Gewässer sei in Gefahr, lautet die Mahnung der Experten.

Sorge bereitet den Experten die starke Belastung der Seen. Insbesondere am Heidensee sei das Wasser trüb. „Hier muss es aus Gräben und wassernahen Grundstücken zu erheblichen Nährstoffeinträgen kommen“, analysiert Silke Oldorff, Limnologin aus Rheinsberg. Die vollständig mit Wochenendhäusern verbauten Ufer verhinderten eine natürliche Ufervegetation und damit eine Selbstreinigung des Heidensees. Fraglich wäre außerdem, wie diese als Bootshaus konzipierten Häuser Abwässer entsorgen.

Auch die Zahl der tausenden Boote auf den Schweriner Seen berge eine Gefahr für die Natur. „Mit Wasserfahrzeugen mit Verbrennungsmotor muss sehr vorsichtig umgegangen werden, sonst werden die Ufer durch den Wellenschlag geschädigt“, sagt Edith Reck-Mieth, zuständig für das Seenbeobachtungsprogramm im Landkreis Plön. Am Steinhuder Meer und am Chiemsee sind Elektroboote Standard, berichteten Vertreter der beiden Seen. An anderen Seen ist die maximale Anzahl der Motorboote begrenzt, womit der Oberflächengewässerverordnung Rechnung getragen wird.

„Auch für den Immobilienmarkt und damit für Bauwirtschaft, Tourismusmarkt, Kulturmarkt und Gesundheitswirtschaft ist es wichtig, dass das Selbstreinigungssystem des Sees intakt ist“, ergänzt Corinna Cwielag vom BUND MV.

Überrascht zeigten sich die Experten darüber, wie wenig die Stadt Schwerin und umliegende Gemeinden die Natur am See als Wert schätzen. „Eine Station wie die Naturschutzstation in Zippendorf direkt am Ufer hätten wir am Chiemsee auch gerne“, meint Jürgen Pohl, Vorsitzender der Naturführer am Chiemsee, nach einem Besuch dort. Insgesamt werde aber sehr wenig Nutzen aus den Naturschätzen des Sees gezogen, findet Jürgen Pohl. Die Stadt Schwerin hat offenbar noch nicht verstanden, was sie vor ihrer Haustür liegen hat, sagt auch Thomas Schaefer, der das Netzwerk Lebendige Seen Deutschland seitens des Global Nature Fund aus Radolfzell am Bodensee koordiniert. Das Image als Kulturstadt sei naheliegend. Dies durch eine „Stadt in der Natur“ zu ergänzen, sei ein ungehobener Schatz, so Schaefer.

Dringenden Handlungsbedarf sehen die Umweltfachleute bei den erheblichen Einträgen aus der Landwirtschaft am Schweriner Außensee. „Pufferstreifen müssen hier dringend seeumfassend geschaffen, Lücken in den Pufferstreifen geschlossen werden“, betont Michael Bender, Leiter der Bundeskontaktstelle Wasser bei der Grünen Liga Berlin, nach einer Exkursion am Seeufer zwischen Retgendorf und Flessenow. Es könne nicht sein, dass Gülle aus Äckern direkt in den See fließe, wie bei einem Besuch im Frühjahr beobachtet. Hier seien die anliegenden Landkreise gefragt.

Dennoch: Die Fachleute zeigten sich beeindruckt von der Schönheit des Schweriner Sees, den vielfach unverbauten Ufern und einer großen Artenvielfalt über und unter Wasser. Nicht zuletzt war schließlich die erstmals seit Jahrzehnten im Schweriner See gemessene natürlichen Nährstoffkonzentrationen der Grund für die Netzwerk-Auszeichnung als „Lebendiger See des Jahres“ gewesen.

Das Netzwerk Lebendige Seen Deutschland ist Bestandteil des weltumspannenden Netzwerkes Living Lakes, das mit mehr als 100 Partnerorganisationen in 52 Ländern durch den Global Nature Fund koordiniert wird.

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