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Zeitung für die Landeshauptstadt

12. Dezember 2017 | 01:52 Uhr

Schwarzfahrt-Vorwurf : Ex-Oberst unter Verdacht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Pensionierter russischer Offizier gerät in der Straßenbahn mit Kontrolleuren aneinander

svz.de von
erstellt am 30.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Es sollte eine Reise in die Vergangenheit werden, die Pflege alter Erinnerungen im neuen Deutschland. Doch für den ehemaligen Offizier der sowjetischen Streitkräfte, der in den 70er-Jahren in Schwerin stationiert war, endete der Trip in die Bundesrepublik mit einer Strafanzeige. Den „Hitlergruß“ soll der 63-Jährige gezeigt haben – nach einem Disput mit Kontrolleuren in einer Straßenbahn von der Innenstadt nach Lankow. Schweriner Freunde springen dem pensionierten Oberst zur Seite, sprechen von einem Missverständnis. Den Vorwurf des Schwarzfahrens hat der Nahverkehr inzwischen fallen lassen.

Der frühere Offizier habe den Kontrolleuren mit dem ausgestreckten Arm zeigen wollen, dass die Freiheit im neuen Deutschland „so groß geschrieben“ werde, während sie in der DDR „so klein“ gewesen sei, berichten die Schweriner Sabine und Hartmuth Lorenz, die mit dem 63-Jährigen befreundet sind. Der hochdekorierte Soldat habe sich in Rage geredet, weil ihm die Kontrolleure vorgeworfen hätten, er und seine Frau seien Schwarzfahrer. Tatsächlich habe aber der Ticket-Automat in der Straßenbahn den Geldschein des Moskauers nicht angenommen, danach sei die Situation durch Verständigungsprobleme eskaliert, so Sabine und Hartmuth Lorenz. Dem 63-Jährigen einen „Hitlergruß“ zu unterstellen, könne nur als eine „totale Fehldeutung“ gewertet werden.

Thomas Schlüter, Betriebsleiter der vom Nahverkehr beauftragten Kontrollfirma GSD Wismar, stellt sich allerdings hinter seine Mitarbeiter. Die Situation in der Straßenbahn sei eindeutig gewesen, der Vorwurf des Schwarzfahrens berechtigt, die anschließende Geste unmissverständlich, versichert Schlüter. „Es wurden sogar die Hacken zusammengeknallt.“ Die Kontrolleure hätten zu Recht die Polizei gerufen.

Die Beamten nahmen die Anzeige auf, ein alarmierter Staatsanwalt ordnete eine Sicherheitsleistung in Höhe von 100 Euro an. Eine Niederschrift über diese Leistung wurde mit Hilfe des Friedrichsthalers Erhard Kunack gefertigt, der den pensionierten Offizier noch aus den 70er-Jahren kennt und nun als Dolmetscher fungierte. „Ich habe mich auch bereit erklärt, weitere amtliche Schreiben für den Moskauer entgegenzunehmen“, sagt Kunack.

Dass der frühere Sowjet-Offizier die geforderten 100 Euro Sicherheitsleistung gezahlt hat, werde im juristischen Sinne keineswegs schon als ein Schuldeingeständnis betrachtet, betont der Schweriner Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek auf Nachfrage unserer Zeitung. Eine solche Leistung zu verlangen, sei üblich, denn der 63-Jährige habe die Bundesrepublik mittlerweile wieder verlassen. Nach Angaben von Urbanek dauern die Ermittlungen der Polizei in der Sache noch an, die Staatsanwaltschaft werde danach das weitere Vorgehen prüfen. So sei es durchaus auch denkbar, das Verfahren gegen die Zahlung eine Geldbuße einzustellen, erläutert der Oberstaatsanwalt.

Die Angelegenheit hat in der Zwischenzeit Wellen geschlagen. Auf Initiative von Hartmuth Lorenz befasste sich auch Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow mit dem Thema. „Aus meiner Sicht lässt sich nur vermuten, dass es aufgrund der vorhandenen Sprachbarrieren zu Missverständnissen gekommen sein kann“, schreibt Gramkow in ihrer Antwort an Lorenz. Eine abschließende Klärung des Sachverhaltes sei ihr aber nicht möglich. „Allerdings rechtfertigen Emotionen in keinem Fall das Zeigen oder auch Andeuten eines ,Hitlergrußes‘“, unterstreicht die OB.

Der Schweriner Nahverkehr, wegen der Kontrollen in Bussen und Bahnen derzeit ohnehin schon in der Kritik, zeigte sich im konkreten Fall kulant. „Wir verzichten auf die 80 Euro, die der russische Bürger für sich und seine Frauen bereits als erhöhtes Beförderungsentgelt entrichtet hat“, sagt Nahverkehrs-Chef Norbert Klatt. Weil es offenkundig Sprachprobleme gegeben habe, werde der Vorwurf des Schwarzfahrens nicht weiter verfolgt.

Für Hartmuth Lorenz und Erhard Kunack ist die Sache damit aber noch nicht erledigt: Sie wünschen sich mehr „Fingerspitzengefühl“ bei den Kontrolleuren in Bussen und Bahnen, gerade auch im Umgang mit Touristen.

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