NSU-Mordserie : „Es fehlte einfach die Fantasie für so ein Verbrechen“

Kriminalist Alexander Horn über die Mordserie des NSU und über den Reiz an der Aufklärung schwerer Straftaten

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17. November 2014, 16:21 Uhr

München Er war dem Nationalsozialistischen Untergrund NSU auf der Spur, er hilft Ermittlern bei der Suche nach Mördern und Sexualstraftätern. Alexander Horn ist Fallanalytiker bei der Münchner Polizei. Sabine Dobel sprach mit ihm.

Was ist der Reiz am Verbrechen - und an seiner Aufklärung?

Horn: Was mich interessiert, sind die kriminalistischen Fragen auf der einen und die psychologischen Aspekte auf der anderen Seite. Warum begehen Menschen bestimmte Delikte? Und warum agieren sie in dieser Art und Weise?

Die Operative Fallanalyse gibt es schon viele Jahre - kann man Erfolge messen?

Nein, die sind schwer messbar. Insgesamt ist die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten in Deutschland ohnehin sehr hoch, bei etwa 90 Prozent. Was wir bekommen, sind aber oft die sogenannten cold cases, also alte und bisher unaufgeklärte Fälle, bei denen man versucht, mit einem neuen Ansatz weiterzukommen. Und zu uns kommen auch die besonders komplizierten Fälle.

Sie führen Gespräche mit verurteilten Sexualmördern im Gefängnis. Was bringt das für Ihre weitere Arbeit?

Die Gespräche, die wir mit den Tätern führen, dienen dazu, die Tatsituation besser zu verstehen: Warum hat er diese Entscheidung gefällt?

Sind Sie dann so etwas wie ein Mörder-Versteher?

Ich würde so formulieren: Wir versuchen, zu rekonstruieren, was derjenige gemacht hat, und seine Schritte nachzuvollziehen. Dann versuchen wir eine Interpretation. Ich muss ein klares Bild bekommen, was ist passiert. Wenn ich das „Was“ beantworten kann, kann ich das „Warum“ beantworten - und das führt mich zu dem „Wer“. Es geht also schon darum, den Fall zu verstehen. Aber es heißt nicht, dass wir denken wie ein Mörder.

Wie war es beim NSU - was ist schief gelaufen?

Auch wir sind nicht von Anfang an von diesem fremdenfeindlichen Hintergrund ausgegangen, sondern erst einmal von organisierter Kriminalität. Die Schwierigkeit war bei dieser Serie die Ungeheuerlichkeit. Serienmorde sind an sich schon einmal ein sehr seltenes Phänomen - und dann noch ideologisch gefärbt: Es war für viele Beteiligte sehr schwer vorstellbar, dass jemand mit einem fremdenfeindlichen Motiv mordend durch Deutschland fährt. Die Polizei war nicht auf dem rechten Auge blind. Aber es fehlte einfach die Fantasie für so ein Verbrechen - auch bei der Polizei.

Sie haben aber dann einen rechtsextremen Hintergrund vermutet. Warum sind diese Ermittlungen ins Leere gelaufen?

Nach den Mordfällen in Dortmund und Kassel im April 2006 war es wahrscheinlich, dass Täter unterwegs sind, die ideologisch gefärbt handeln; die ihre Opfer auswählen nach dem, was sie sind und für was sie stehen. Die Opfer sind männlich, türkisch aussehend und im Kleingewerbe tätig - und in Kassel und Dortmund waren sie zu dem Zeitpunkt ungeplant im Laden. Das heißt, dass es nicht um die konkrete Person ging, sondern um die Kategorie - und dass folglich Zerstörungsmotive im Vordergrund stehen. Vor allem in Nürnberg wurde dann intensiv ermittelt: Wir gingen von einem Ankerpunkt dort aus. Aber die Täter waren nicht aus Nürnberg.

Wird die Welt gewalttätiger - angesichts der Brutalität in Internet und Fernsehen?

Der Eindruck entsteht manchmal. Aber die Realität ist eine andere. Die Kriminalität verändert sich. Die Zahl der Tötungsdelikte bei uns sinkt, auch die Zahl der Sexualmorde. Es gibt sogar Stimmen, die meinen, dass gerade mit dem Internet potenzielle Täter abweichende Impulse dort abarbeiten könnten. Das können wir aber so nicht sagen. Wir brauchen hier mehr solide Forschungsarbeit.

Sie sagen, Sie hätten beim Schreiben viel gelernt. Sollte jeder mal ein Buch schreiben?

Es hilft, die Dinge klarer und präziser zu formulieren, die Zusammenhänge und das Zusammenspiel der Dinge besser zu durchdringen. Schreiben bringt etwas. Ich bin der Meinung, dass es zur Klarheit für einen selber beiträgt.

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