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Zeitung für die Landeshauptstadt

14. Dezember 2017 | 09:19 Uhr

Zeitzeugin : Ersten Zug in die Freiheit verpasst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schweriner Pastor Aurel von Jüchen überlebte Gulag im sibirischen Workuta – seine Tochter Edith von Jüchen erinnert sich

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erstellt am 18.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Es war die Nacht vom 22. auf den 23. März 1950. Was damals geschah, konnte Edith von Jüchen ihr ganzes Leben nicht vergessen: Ihr Vater, Aurel von Jüchen, Pastor in der Schelfgemeinde, wurde von zwei dunkel gekleideten Männern abgeholt – und verschwand. „Jahrelang haben wir nichts von meinem Vater gehört“, erzählt Edith von Jüchen. Spät erst erfuhren sie, ihre Mutter und der Bruder, wo der Vater geblieben war: Aurel von Jüchen wurde vom Sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage und Bildung oppositioneller Gruppen angeklagt, zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und ins sibirische Workuta deportiert. Dort arbeitete er im Kohlebergbau und in einer Fabrik.

Aurel von Jüchen (1902-1991), gebürtiger Gelsenkirchener, war religiöser Sozialist, hatte aufgrund seiner Gesinnung Schwierigkeiten in der NS-Zeit. Nach dem Krieg wollte er ein demokratisches Deutschland aufbauen, engagierte sich im Kulturbund. „Mein Vater hat gerne mit Jugendlichen diskutiert“, erinnert sich die Tochter, die heute wieder in Schwerin lebt. Doch schon Ende der 40er-Jahre waren echte Debatten nicht mehr gefragt. Aurel von Jüchen wurde öffentlich angefeindet, aus der SED ausgeschlossen, in die er als SPD-Mitglied gekommen war.

Einen Tag nach der Verhaftung des Vaters durch NKWD-Agenten wurde auch die Mutter von Edith von Jüchen festgenommen. „Meine Mutter kam nach zehn Wochen wieder frei, sie war wie mein Vater auch am Demmlerplatz verhört worden“, berichtet Edith von Jüchen. Alle Bemühungen jedoch, etwas über den Verbleib des Vaters zu erfahren, seien ergebnislos geblieben. „Wir sind nicht zuständig“, habe es stets geheißen. Jahre der Ungewissheit und des bangen Wartens.

Auf Umwegen erhielt die Familie schließlich das erste Lebenszeichen von Aurel von Jüchen. Mitte der 50er-Jahre später gehörte der Schweriner zu den Gefangenen, die auf Betreiben von Bundeskanzler Konrad Adenauer von den Sowjets entlassen wurden. Den ersten Zug in die Freiheit habe ihr Vater allerdings verpasst, schildert Edith von Jüchen. „Mein Vater hat sich in Moskau noch die weltberühmte Tretjakow-Galerie angesehen. Nie wieder würde er diese Gelegenheit bekommen, so dachte er.“

Über das Lager im niedersächsischen Friedland kam Aurel von Jüchen zurück nach Deutschland. Auf dem Flughafen Tempelhof in West-Berlin konnte Edith von Jüchen ihren Vater nach mehr als fünf Jahren wieder in die Arme schließen. „Mein Vater hatte während der Jahre in Sibirien weiße Haare bekommen“, erzählt die Tochter. „Aber er war kein gebrochener Mann. Vater lebte in der Gegenwart und sein Glaube gab ihm Halt.“

Wegen eines schweren Stimmband-Schadens, den er sich in der Gefangenschaft zugezogen hatte, konnte Aurel von Jüchen jedoch nicht mehr als Gemeindepfarrer tätig sein. So arbeitete er als Gefängnisseelsorger in Berlin, schrieb Bücher, hielt Vorträge. „Zeit seines Lebens war mein Vater ein Kämpfer“, sagt Edith von Jüchen. Damit habe er vielen Menschen ein Beispiel gegeben.

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